Auch in der Gastronomie gibt es so etwas wie Bismarcktürme. Das Hofbräuhaus in München ist ein Bismarckturm, weil wer sich dort hinhockt und etwas bestellt, sofort ein guter Bayer wird. ("Nur ein besoffener Bayer ist ein guter Bayer!")

Ein anderer Bismarckturm steht in Zürich. Er heißt Kronenhalle und unterscheidet sich vom Hofbräuhaus dadurch, dass wer dort isst, ein guter Schweizer wird, auch ohne Bier aus Literkrügen. Einmal im Jahr will ich unter guten Schweizern sein und gehe in die Kronenhalle.

Vorher überfalle ich eine Bank, von denen es in Zürich viele gibt, damit ich die Rechnung in der Kronenhalle bezahlen kann. Dort kostet ein kleines Gläschen Weißwein nämlich mehr als ein großer Krug voll Bier im Hofbräuhaus, ohne dass man den Göttertropfen loben möchte. Die guten Schweizer müssen alle Bankräuber sein, denn die Preise in der Kronenhalle sind ihnen offensichtlich egal. Die Kneipe ist mittags und abends rappelvoll.

Kneipe ist nicht das richtige Wort, weil ja auch die Brasserie Lipp in Paris keine Kneipe ist, sondern eher ein Pariser Bismarckturm. Ihr gleicht die Kronenhalle sehr, wenn man die gesellschaftlichen und gastronomischen Zustände vergleicht, die dort herrschen. In beiden Küchen wird nur das Allernötigste getan, um den Notarzt draußen zu halten. In beiden Etablissements zahlt man für einen Kartoffelsalat so viel wie woanders für ein Trüffelomelette. Hier wie dort sitzen die guten Patrioten mit Vorliebe und die Touristen mit Verwunderung. Sie wundern sich, dass die berühmten Autoren, die bekannten Politiker, die Verleger und Künstler so aussehen, wie sie aussehen, und niemand sich übers Essen beschwert. Und beide Brasserien sind ein so typischer und unverwechselbarer Bestandteil der Stadt, dass diese nachhaltig beschädigt würde, wenn es diese Adressen plötzlich nicht mehr gäbe.

Das Geheimnisvolle an der Kronenhalle in Zürich ist ihre Beliebtheit bei Jung und Alt. Wie gesagt: Die Küche ist schlecht, die Weine taugen auch nicht viel, die Preise sind zu hoch, und einen freien Tisch zu bekommen ist kaum leichter als die Besteigung eines Bismarckturms. Es kann also nur die patriotische Erfüllung sein, die die Schweizer in der Kronenhalle finden und die sie dorthin treibt.

Manche Leute behaupten, es seien die Bilder. Tatsächlich hängen an den Wänden ein paar Prachtschinken der modernen Malerei. Aber ihnen geht es wie den Haaren auf meinem Kopf: Sie werden von Jahr zu Jahr weniger.

Die Bedienung sei so gut, schwärmen die Stammgäste. Das stimmt. Aber die ist auch in unseren Kirchen nicht schlecht; trotzdem sind die ziemlich leer.