Nein, nicht Frankfurt am Main ist das Herz des Euro. Tief in Gallien schlägt es, in den blauen Bergen der Bourgogne, dem Morvan. In Montreuillon.

Aus Paris kam auch die Nachricht. Im vergangenen Sommer meldete sich das nationale Radio France Inter beim Bürgermeister. Der fiel aus allen Wolken: Ich habe zuerst gedacht, die wollen sich über uns lustig machen. Das war gelinde formuliert. Spätestens seit Molière, der seinen Mägden den Dialekt des Morvan in den Mund legte, gelten in Paris die Burgunder als Trottel. Es war kein Scherz.

Am 30. August kam die offizielle Bestätigung: Das geografische Zentrum von Euroland hat die genauen Koordinaten 3ø48'2"Ost/47ø11'56" Nord - offiziell errechnet vom französischen kartografischen Institut géographique national.

Das Herz des Euro schlägt mitten im Wald. Im Reich der Rehe - einen Wildkatzensprung nur bis nach Château Chinon, der einstigen Hochburg Mitterrands. Als reichte er postum seinem Euro-Gevatter Kohl nochmals die Hand - in Montreuillon.

Die Mitte von Euroland liegt - Ironie der Geschichte - in den Gefilden, die sich im Mittelalter Burgund nannten. Und ausgerechnet in Montreuillon ereignete sich damals das, was bis heute noch ein europäisches Nachspiel hat.

In diesem Tal, wo die Route nach Santiago de Compostela auf ihrem Weg zur Loire die Yonne kreuzt, lange bevor diese sich in die Seine ergießt, schlug Ludwig XI. am 20. Juni 1475 Karl den Kühnen, Herzog von Burgund. Auftakt für Jahrhunderte währende Kleinstaaterei in Europa, der erst der Dreißigjährige Krieg ein vorläufiges Ende setzte. Diese Schlacht am Monte Rumillionis besiegelte auch die Einheit dessen, was heute Frankreich ist.

Heute nun, wo die Europäische Währungsunion die Frage nach der politischen Struktur Europas aufwirft, wo erneut die Auseinandersetzung zwischen föderalem und zentralstaatlichem Ansatz aufflammt, rückt ausgerechnet Montreuillon wieder in den Mittelpunkt. Sonderbar genug für die 310 Menschen, die hier leben. Denn Montreuillon ist ein Dorf, in dem allenfalls die Kirche auf die lange Geschichte hinweist. Aber die Glocke läutet den Angelus elektrisch, ein Dorfpfarrer existiert schon lange nicht mehr. Den Ton gibt heute die Sirene an, die jeden Samstag um 12 vom Turm des Rettungszentrums aufheult. Das Dorf ist stolz auf seine pompiers - 28 Feuerwehrleute stark, alle freiwillig, darunter ein halbes Dutzend Frauen. Na ja, als sie 1989 ihr neues Rettungszentrum einweihten, tuschelten die Älteren, sie löschten wohl nicht nur Brände und ihren Durst wohl kaum mit Wasser.