Das Verwirrspiel ist perfekt: Willi, seit nunmehr 15 Jahren Anthony Brownes berühmte Bilderbuchfigur, steht in Malerpose an der Staffelei und schaut prüfend aus dem Bild heraus. Sein Blick fixiert das Modell, das er malt. Das fast vollendete Gemälde vor ihm gibt das Geheimnis preis: Willi malt seinen Meister Anthony Browne. Die Atelierszene auf dem Cover des neuen Bilderbuchs spiegelt Autor und Figur auf symbiotische Weise, beide unlösbar durch Blicke miteinander verknüpft. Eine schöne und zugleich komplizierte Vorstellung: Anthony Browne sitzt in seinem Atelier in Birchington on Sea, in der Grafschaft Kent, und malt Willi als Maler, damit dieser eine Hommage an seinen Erfinder Anthony auf die Leinwand bringen kann.

Blickt man in das Buch, so entdeckt man folgerichtig nicht mehr Anthony, sondern Willi, der sich in berühmte Gemälde der Kunstgeschichte hineingemogelt und -gemalt hat, vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, von Sandro Botticelli bis Edward Hopper. "Willi malt gern und schaut sich gerne Bilder an." Mit diesem autobiografischen Credo schickt Browne seinen Willi Seite um Seite durch eine ganz persönliche Galerie: Alle auftretenden Personen, voran Willi, sind erwartungsgemäß als Gorillas mit menschlichem Habitus gemalt, und (fast) alle zitierten Kunstwerke werden parodistisch gewendet. Das ergibt manchmal überraschende Deutungen, wenn beispielsweise in Michelangelos Erschaffung Adams ein Gorilla die Pose des ersten Menschen einnimmt oder wenn Magrittes Surrealismus in die niederländische Malerei eines Jan Vermeer eindringt. Doch die komischen und kuriosen Momente überwiegen: Willi ersticht in der Pose des heiligen Georgs (nach Raphaels Gemälde von circa 1506) den Drachen mit einem langen Haarpinsel.

Am Ende verlässt Willi (oder ist es schon wieder Anthony?) den Maltisch und geht aus dem Bild. Damit endet das Buch aber noch nicht, denn es will mehr als nur unterhalten. Es will den Betrachter, fraglos aus Respekt vor der großen Kunst, auch zu den Originalen hinführen, die am Ende auf einer ausklappbaren Doppelseite im Miniaturformat reproduziert sind. "Versuche, die Originalbilder mit den Bildern zu vergleichen, die Willi gemalt hat, und lies, was Willi über sie zu erzählen weiß." Solch kunstpädagogisch gut gemeinten Aufforderungen machen das grundlegende Problem in der Vermittlung von Kunst im Bilderbuch wieder deutlich: das Pendeln zwischen Sachinformation und Unterhaltung. Diesmal liegt die Schwäche aufseiten der Sachvermittlung.

Wenn tatsächlich ästhetisches Lernen an den Reproduktionen stattfinden soll, müssten sie größer, sinnlicher und vor allem den Parodien ebenbürtig präsentiert werden. Der Ausstieg aus den fantastischen, komischen und verrückten Bildern Anthony Brownes weckt keineswegs Lust auf die "wahre Kunst", da der Transfer zum Original eher wie eine Notlösung wirkt. Viel lehrreicher und amüsanter ist es, in den Willi-Kunstwerken herumzustöbern und das subtile Wechselspiel zwischen Anthony, dem Illustrator, Willi, dem Maler, und dem Bild als Illusionsschicht zu verfolgen. Das wäre doch die Kunst!

Anthony Browne: Willi, der Maler

Aus dem Englischen von Peter Baumann

Lappan Verlag, Oldenburg 2000, 26 S., 29,80 DM (ab 5 Jahren)