Herbert Marcuse ist an allem schuld. Als die vier Mitglieder von Rage Against The Machine im sonnigen Südkalifornien zusammenfanden, war seine ein paar Meilen weiter nördlich ersonnene Lehre von der repressiven Toleranz seit Jahrzehnten ausformuliert. Seither hinkt die Praxis der Rebellion der Theorie ein wenig hinterher. So grausam kann Geschichte sein.

Zehn Jahre haben die Rage-Rocker lautstark dagegen aufbegehrt, mit Pauken, Gebrüll und Schaum vor dem Mund. Jetzt scheinen sie, müde vom Erfolgreichsein mit Dagegensein, genervt von Überfluss und MTV, gerade noch über die Kraft zu verfügen, dem System einige Klassiker der Insubordination entgegenzustemmen.

Renegades (Epic/Sony) heißt das Vermächtnisalbum, das letzte mit Sänger Zack de la Rocha, der die Band vor wenigen Wochen verlassen hat - wegen Nichtverwirklichung politischer Ideale. "Dies sind Hymnen", geben die Hinterbliebenen im Begleittext als Durchhalteparole aus, "die uns daran erinnern, warum wir Musik so sehr lieben, warum wir ihre Schöpfer verehren und die Leute, die ihnen genauso gern zuhören wie wir."

Liebe zur Musik und zu ihren Schöpfern, das meint hier vor allem ein Traktieren auf gleichbleibend hohem Energieniveau. Muss aber so sein. Rage Against The Machine können nicht anders, als Kick Out The Jams von den frühen Politrockern MC5 kongenial daherzuholzen, die Vorlage lädt zu sehr dazu ein.

Es ist ihre Art, Liebe zu zeigen, und im Übrigen auch ihr Konzept: Agitationstaugliches mit Punk-Emotion füllen, Furor entfachen im Herzen der Bestie - hyperventilierend gegen den globalen Kapitalismus. Etwas unangemessen wirkt das Große Slammen dort, wo schon das Original eine Art Trauerarbeit an den Möglichkeiten des Rock 'n' Roll darstellt wie in Street Fighting Man von den Stones. Dass zuletzt auch Dylans Maggie's Farm auf 180 gebracht wird, schmerzt sogar, aber nur ein bisschen, schließlich: What can a poor boy do?

Vielleicht werden Rage Against The Machine doch eher als sportives Phänomen in die Geschichte eingehen. Schneller, härter, lauter - ein Leben im Komparativ, weil sonst alles und nichts mehr geht. Mit besten Wünschen und Solidaritätsadressen an diverse Minderheiten im Kleingedruckten. Und so rührend altmodisch in seinem Festhalten am Handgemachten! Die Weltbestmarke im Gesinnungsrock wird nach ihnen kaum noch nach oben zu korrigieren sein, den bolschewikschicksten, verbalradikalsten und zumindest zweitsignifikantesten Bandnamen des in Kürze vollends verbleichenden Jahrtausends hatten sie auch. 2001: Odyssee im Weltall - was machen eigentlich derzeit Sick Of It All?