Nach dem Schwarzbuch des Kommunismus (1997) nun Le siècle des communismes ("Das Jahrhundert der Kommunismen") - ein Pariser Rezensent verglich die beiden Bücher mit einer vorabendlichen Soap-Opera und einem Themenabend bei Arte. Vor drei Jahren erschien das Schwarzbuch des Kommunismus, für das Verleger und Herausgeber - schon bevor es auf dem Markt war - mit lauten Parolen warben: "Kommunismus = 100 Millionen Tote", "Kommunismus = Verbrechen". Zumindest die Rechnung des Verlegers ging auf. Das Buch verkaufte sich 200 000-mal, obwohl viele Beiträge auf bescheidenem Niveau argumentierten und die wissenschaftlich Arbeitenden unter den Autoren sich vom Herausgeber öffentlich distanzierten.

Der Plural im Titel des zweiten Buches ist programmatisch zu verstehen: Die 23 Autoren basteln nicht an dem von François Furet zur Kampfparole ausstaffierten Gespenst "des" Kommunismus weiter, sondern untersuchen die verschiedenen Gesellschaften, in denen sich die herrschenden Partei- und Staatsapparate zu einer kommunistischen Ideologie bekannten (und dabei die Idée fixe eines homogenen "Marxismus-Leninismus" pflegten). Auch "der" Antifaschismus geht - wie Bruno Gruppo zeigt - nicht in seiner Funktion als kommunistische Herrschaftslegitimation auf.

Der Unterschied zwischen den beiden Büchern ist kein gradueller, sondern ein prinzipieller. Statt einer Ideologiegeschichte, die "den" Kommunismus zu einer von Intellektuellen ausgeheckten und von Verbrechern "verwirklichten Ideologie" reduziert, liefert das zweite Buch differenzierte Ansätze zu einer Sozialgeschichte von kommunistisch dominierten Staaten und Gesellschaften.

Nationale Besonderheiten sowie soziale und wirtschaftliche Spezifika kommen dabei ebenso zu ihrem Recht wie die unterschiedlichen Traditionen und Herrschaftspraktiken in verschiedenen historischen Phasen.

Die Autoren bagatellisieren dabei keineswegs die dominante Rolle, die Terror und andere Gewaltformen unter diesen Regimes spielten, aber sie verfallen nicht in die nach 1989 modisch gewordene Verkürzung, Geschichte allein aus Polizei- und Geheimdienstarchiven zu rekonstruieren und Geschichtsschreibung in eine Verbrecher- und Verschwörerstory zu verwandeln. Sie betreiben vielmehr - wie Le Monde schrieb - die fällige Rückwendung vom "polizeimäßigen" auf den "wissenschaftlichen Blick" in die Geschichte. Alexis de Tocqueville beschrieb, in welcher Hinsicht das Ancien Régime die Gewaltpraxis der Französischen Revolution prägte. Ähnliches gilt für den Einfluss der zaristischen auf die bolschewistische Herrschaft, die man durch den Vergleich nicht rehabilitiert, sondern besser verstehen und erklären lernt.

Anders als viele Schwarzbuch-Autoren, denen der Vergleich zwischen Kommunismus und Nazismus unter der Hand zur Gleichsetzung beider Herrschaftssysteme geriet, demonstrieren die Mitarbeiter des neuen Buches die Schwäche aller Varianten der so genannten Totalitarismustheorie. Das defizitäre Vorgehen, Staaten und Gesellschaften exklusiv von ihren ideologischen Diskursen her zu beleuchten, bewirkt, dass diese Theorien selbst "essentiell ideologisch werden" (Michel Dreyfus/Roland Lew). Nicolas Werth, der am Schwarzbuch mitwirkte, aber sich von dem manichäischen Herausgeber Courtois distanzierte, lobt die Autoren für ihre Einsicht, "je mehr man Kommunismus und Nazismus vergleicht, desto stärker springen die Unterschiede ins Auge".

Michel Dreyfus u. a. (Ed.):