Darius, König von Persien, war neugierig und unternahm ein Experiment. Er versammelte eine Schar Griechen und fragte sie: Wie viel müsste ich euch geben, damit ihr die Leichen eurer verstorbenen Väter esst? Helle Empörung, ganz wie Darius vermutet hatte. Sodann ließ er Leute vom indischen Stamm der Callatiae antreten, die, so berichtet es Herodot, die Sitte pflegten, die Körper ihrer Eltern zu verspeisen: Wie viel müsse er ihnen geben, fragte Darius, wenn sie die Leichen nicht essen, sondern stattdessen verbrennen würden? Da erhob sich großes Geschrei. "So fest verwurzelt sind die Sitten", kommentiert Herodot (Historiae, 3.38.1).

So fest verwurzelt sind die unterschiedlichen Sitten der Nationen, dass Hubert Hüppe, Bundestagsabgeordneter der CDU, den Briten "Kannibalismus" vorwarf: Mit diesem Wort kommentierte der stellvertretende Vorsitzende der Expertenkommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" den Beschluss des britischen Unterhauses, das Klonen von embryonalen Stammzellen zu Forschungszwecken zu erlauben (siehe Wissen, Seite 35).

Starke Worte sind üblich in der "Biopolitik". Der Begriff, mehr als ein Dutzend Jahre alt, beschreibt ein Ansinnen, das mit dem Fortschritt der Medizin heikler und anspruchsvoller wird: Die Politik soll nichts Geringeres als den Umgang der Gesellschaft mit dem Leben regeln.

Das umstrittenste biopolitische Thema der vergangenen Jahrzehnte war die Abtreibung. Nicht minder komplex war die Debatte um das Transplantationsgesetz und die Frage, wann ein Mensch als tot gilt, auf dass ihm Organe entnommen werden dürfen. Mit der fortschreitenden Forschung häufen sich die Probleme und damit auch die Fragen. Biopolitik wird zum Dauerthema: Dürfen Mediziner zu Forschungszwecken Zellverbände benutzen, aus denen sich - im Prinzip - auch menschliche Föten entwickeln können? Nach welchen Kriterien sollen Krankenhäuser darüber entscheiden, wen sie retten und wen nicht?

Welche Erkenntnisse der Gentechnologie, welche Lebewesen dürfen patentiert werden? Können Arbeitgeber oder Versicherungen verlangen, dass bestimmte Gentests durchgeführt oder deren Ergebnisse offen gelegt werden? Wie reagiert die Politik darauf, dass Deutsche ins Ausland fahren, um sich bei der Selbsttötung helfen zu lassen? Oder um ein Kind zu bekommen, das im Reagenzglas gezeugt und vor der Implantierung auf Erbkrankheiten untersucht wurde?

Jedes Mal heißt es: Die Politik ist gefragt. Offenbar erinnert sich die Gesellschaft daran, dass die Politik für allgemein gültige Entscheidungen stärker legitimiert ist, als die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Kirche oder als es Interessenverbände sind. Die Politik, der gern Bedeutungsverlust nachgesagt wird und die angeblich zum Annex der globalisierenden Triebkräfte geworden ist - auf sie kommt es eben doch an. Denn sie macht die Gesetze. Wie soeben in London.

Und wie demnächst in Frankreich: Premierminister Lionel Jospin bereitet ein Gesetz vor, das dem britischen im Wesentlichen gleichkommen soll. Dann wäre es auch in Frankreich zulässig, mit menschlichen Stammzellen zu arbeiten, die nach der Methode Dolly gewonnen wurden: Es wird der Kern aus der Körperzelle eines Erwachsenen herauspräpariert und in eine entkernte Eizelle gesteckt