Alles hat seine Zeit. In den siebziger Jahren, als die Öffentlichkeit von der Kernenergie umgetrieben wurde, führten die Physiker das Wort in der Forschungspolitik. Damals war Heinz Meier-Leibniz, der Erbauer des ersten deutschen Forschungsreaktors (das Garchinger "Atomei"), Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Als er am Freitag vor Weihnachten zu Grabe getragen wurde, sprach Ernst-Ludwig Winnacker, der jetzige Präsident der DFG, die Gedenkworte. Winnacker ist Biochemiker und ausgewiesener Interpret der Gentechnik. Jetzt ist seine Zeit.

An den DFG-Präsidenten stellt das Ansprüche: Seit das britische Unterhaus in der vergangenen Woche entschieden hat, menschliche Embryonen zu Forschungszwecken für das "therapeutische Klonen" freizugeben, hat der Präsident wieder - wie damals beim geklonten Schaf und im Sommer bei der Entzifferung des menschlichen Genoms - Dienst als letzte Instanz für vorletzte Fragen: Was kann, was darf die Wissenschaft? Müssen ihr Grenzen gesetzt werden? Winnacker ist ein gefragter Mann, nicht nur, weil er weiß, wovon Gentechniker jetzt träumen, sondern auch, weil er ein nachdenklicher, leicht melancholischer Mensch ist, den ethische Probleme kümmern und der mit Sophokles' Antigone fühlen kann: "Ungeheuer ist viel und nichts ungeheurer als der Mensch."

Jetzt geht es um mehr als nur um manipulierte Petunien

Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Teddybär, der etwas ziellos durch die Gegend tapst. Doch das täuscht, er weiß genau, wo es langgeht. Winnacker selbst wäre am liebsten Dirigent geworden. Aber auf der Musikakademie in Rom, wo er Klavier und Cello studieren wollte, wurde ihm schnell klar, dass es für die ganz große Karriere nicht reicht. So schrieb er sich an der ETH Zürich für Chemie ein. Ausgebildet wurde er vorwiegend im Ausland. Am meisten geprägt hat ihn Amerika. Mitarbeiter sagen ihm Teamgeist und ausgeprägtes soziales Bewusstsein nach. Wie kaum ein anderer Wissenschaftler versteht Winnacker es, auch Laien anschaulich zu machen, worum es in der Genforschung geht. Selbst in Kurzinterviews für das Fernsehen gelingt es ihm, sein Thema auf den Punkt zu bringen. Auf seine unaufgeregte Art hat er viel für die Akzeptanz seiner Wissenschaft in der Öffentlichkeit getan.

Kritikern der Gentechnik galt er deshalb als Befürworter von allem, was Wissenschaft kann. "Oh, da hatten wir auch noch nicht die schwierigen Grenzfälle", erwidert der Professor. "Insofern habe ich sicher den Eindruck erweckt, ich sei jemand, der alles mitmachen will. Das Feld hat sich aber weiterentwickelt."

Jetzt geht es nicht mehr um gentechnisch manipulierte Petunien, sondern um Versuche am Menschen. Die Gentechniker und Stammzellenforscher haben bestimmte Erbkrankheiten im Visier. Während die einen die zerstörten Gene reparieren, setzen die anderen auf den Zellersatz für zerstörtes Gewebe (siehe Wissen Seite 35). Die Möglichkeiten sind aufregend. Eine alte Zelle nehmen und sie ins Jugendalter versetzen, frische Organe züchten - das sind Menschheitsträume. Der wirtschaftliche Nutzen wäre enorm. Schon fangen seine Fachkollegen an, Druck auf den DFG-Präsidenten auszuüben. Sie möchten die embryonalen Stammzellen, die sie aus Amerika importieren müssen, selbst herstellen. Das Herstellen ist in Deutschland verboten. Mit seiner Autorität soll Winnacker dafür sorgen, dass das Embryonenschutzgesetz liberalisiert wird. Dabei wird mit der Doppelmoral argumentiert, mit der wir wie selbstverständlich leben: Der Embryo werde in Deutschland vom ersten Tag an geschützt, die Abtreibung dagegen sei erlaubt. "Das ist eine Geschichte, die unsere Gesellschaft offenbar akzeptiert", sinnt der Professor und fragt dann: "Kennen Sie den Witz über den Beginn des Lebens? Wenn ein Katholik gefragt wird, beginnt das Leben mit der Fusion von Ei und Samenzelle. Für einen Nichtgläubigen beginnt das Leben, wenn sich das Ei in die Gebärmutter einnistet. Und wenn Sie den Rabbi fragen, der sagt Ihnen: ,Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot.'"

Ethische Fragen beschäftigten Winnacker, lange bevor er 1997 zum Präsidenten der DFG gewählt wurde. 1989 gehörte er zu den Mitbegründern des Instituts für Technik, Theologie und Naturwissenschaften an der Münchner Universität. Der Dialog mit Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen schärfte ihm den Blick auch auf die Embryonenforschung, in der er selbst nie tätig war: "Embryonen haben alles, um ein Mensch zu werden. Man opfert einen potenziellen Menschen, um Stammzellen herzustellen. Er wird zur Sache degradiert. Damit ist die Grenze des ethisch Vertretbaren grundsätzlich überschritten." Das bewegt ihn auch deshalb intensiv, weil er sich die Grenzziehung vom Staat nicht abnehmen lassen will. Er möchte sie in eigener Verantwortung der Wissenschaftler definieren.