Der Reiz dieses Buches ist, dass es keinen reinen Erlebnisbericht zum Inhalt hat und infolgedessen der Gefahr entgeht, in den Zufällen der Erinnerung an Glaubwürdigkeit zu verlieren - sondern ein Gespräch zwischen Freunden: Der Autor hat sich mit Vorsatz und Bedacht ausfragen lassen. Und so geschieht es, dass Unbegreifliches umgehend kommentiert, korrigiert und ergänzt wird und dass der gefragte Berichterstatter in seinen Antworten weidlich die Chance nutzt, nachdenklich zu reagieren. Das trägt nicht wenig dazu bei, namentlich jungen Lesern, die mit dem Thema zum ersten Mal bekannt gemacht werden, die eigenartige Institution der so genannten Napolas begreiflich zu machen.

Nicht, dass es an Literatur über dieses Thema mangelte. Es gibt den Klassiker von Horst Ueberhorst (Elite für die Diktatur, ZEIT Nr. 41/69), und es gibt eine psychologische Untersuchung der Folgen, die diese quasimilitärische Erziehung bei den so Erzogenen hatte (Christian Schneider über Das Erbe der Napola, 1996), abgesehen von anderen Versuchen. Hier indessen geht es nicht allgemein um die Institution dieser militärisch organisierten Internatsschulen der Nazis, sondern um die Beobachtungen, Erfahrungen und Reflexionen des ehemaligen Jungmannen Zempelin, der ein Zögling der Napola in Oranienstein bei Dietz an der Lahn gewesen ist und es nun unternommen hat, diese Periode seiner Geschichte kritisch Revue passieren zu lassen.

Der inzwischen gebräuchliche Name Napola bezeichnet wie die Napobi eine frühe Variante der NPEAs, wie sie korrekt hießen, in denen Jungen - später auch Mädchen - im Gymnasialalter von zehn Jahren an (oder später) bis zum Abitur unterrichtet und zugleich militärisch und politisch abgerichtet wurden, so wie es vordem etwa an Kadettenanstalten üblich war: kleine, der politischen Indoktrination unterworfene Rekruten (mit allen Kasernenhof-Quälereien) und Schüler zugleich. Eine wirkliche Elite brachten diese elitär gemeinten Schulen allerdings niemals hervor.

Doch wie bei jungen Menschen üblich, relativierten sich Peinigungen und Glückserlebnisse, militärische Züchtigungen und Gemeinschaftserfahrungen "zwischen Selbstbehauptung und Anpassung". Hans Günther Zempelin, der ein ebenso gescheiter wie nachdenklicher Autor ist, hat denn auch den Mut, manche Freuden dieser Erziehung und auch die erzwungenen Lebens- und Berufserfahrungen (wie in den Sommerferien beim Bauern und im Bleibergwerk) zu erwähnen. Dazu gehört nicht zuletzt die prägende Kraft der Gemeinschaft, sagen wir: der Menschenbildung.

Es war ein guter Einfall, dem geduldigen Zwiegespräch eine gedankenreiche Einleitung voranzustellen, die von den historischen Ursachen und Voraussetzungen des "Dritten Reiches" handelt und vieles überhaupt erst begreiflich macht, die "perversen ideologischen Ziele" Hitlers, "seinen rücksichtslosen Machthunger", aber auch die erstaunliche Teilnahmslosigkeit, mit der das Ausland den politischen Verbrecher hatte gewähren lassen - nicht zuletzt die Haltung und die Gedankenwelt der Verführt en, der Schüler ebenso wie ihrer Eltern und Lehrer. Als alles vorbei war, bemerkten sie, dass man sie schändlich missbraucht hatte. Dies vor Augen zu führen gelingt diesem Buch auf sehr bemerkenswerte Weise.

* Hans Günther Zempelin: Des Teufels Kadett - Napola- Schüler von 1936 bis 1943

Gespräch mit einem Freund