Du intrigantes Schwein!

Auf dem Cover des jüngsten Buches von Irvine Welsh (Trainspotting) ist ein Schweinskopf mit Polizeimütze zu sehen. Der Roman handelt vom schmutzigen Innenleben des Detective Sergeant Bruce Robertson, der ein echtes Bullenschwein ist, ein Antityp und Hassobjekt. Im Original heißt das Buch Filth, Dreck, doch auf dem deutschen Umschlag steht Drecksau. Was Schweine betrifft, scheint die deutsche Frage noch immer zu lauten: Darf's ein bisschen mehr sein?

Kein anderes Tier wird so durch den politischen Fleischwolf gedreht wie das Schwein. Selbst in Zeiten von Creutzfeldt-Jakob, in denen das Rindersystem über Leichen geht, bleiben Saustall und Schweinesystem die Synonyme für Misswirtschaft und Missmut in der Politik.

Der Saukerl

Die politische Verwurstung des Schweins beginnt im 19. Jahrhundert. Über das Herumgezote schlagender Verbindungen und den schnarrenden Kommisston brutaler Schleifer gelangte es in den Ersten Weltkrieg: als Frontschwein zunächst, das trotz saudummer Befehle im Stellungskrieg verharrte, dann als feiges Schwein, das die Schlacht gegen den inneren Schweinehund verlor, schließlich als Sauhaufen, der von den Freikorps mühelos niederkartätscht werden konnte. Es war die Zeit, in der die Ehrverletzung Untergebener Ehrensache war und das berühmteste arme Schwein, der Saukerl Schwejk, in einem fort beleidigt wurde. Die Verrohung des politischen Vokabulars erreichte ihren einsamen Höhepunkt durch die Nazis, die das Weimarer System und den Reichstag einen Schweinestall nannten und allen, die links von Hindenburg standen, die baldige Liquidierung versprachen.

Der Schock über den rüden Ton und seine katastrophalen Folgen führte in der Nachkriegszeit zu einem nahezu völligen Schweineverzicht. Nur manchmal reizte es übereifrige Abgeordnete, Herbert Wehner im Bundestag Kommunistensau zu schelten. Doch Wehner, der etwa den Abgeordneten Wohlrabe als Übelkrähe verspottete, war auch nicht gerade zimperlich.

Saustall Deutschland

Den ersten Rückfall in die Weimarer Systembeschimpfung erlebte die Bundesrepublik 1975. Beim Politischen Aschermittwoch wetterte der CSU-Vorsitzende Strauß in der Passauer Nibelungenhalle gegen das eklatante Versagen derer, die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren, und einen Saustall ohnegleichen angerichtet haben. Als Willy Brandt sich verbat, Deutschland mit einem Saustall gleichzusetzen, zog Strauß vor Gericht. Nicht das Vaterland habe er geschmäht, sondern die Reformpolitik der Roten. Und dazu stehe er. Der Streit ging durch alle Instanzen, mit kabarettreifen Einlagen aller Beteiligten. Was Jörg Haider nicht davon abhielt, den Wiener Saustall ins Zentrum seiner späteren Machtergreifungspolitik zu stellen.

Du intrigantes Schwein!

Heute ist der Saustall ein so abgegriffenes Bild, dass er höchstens noch der zahnlosen Bayern-SPD ein Wir-Gefühl gegen die eigene Ohnmacht verschafft. Es ist die neue Regierung Schröder, hoffen die Genossen unbeirrt, die den von Kohl hinterlassenen Saustall ausmisten muss und ausmisten wird, damit Staat und Gemeinwesen nicht vor die Hunde (!) gehen.

Apropos Hunde

Das Wörterbuch des Untiers wird wohl nie geschrieben. Es bestünde aus zwei Teilen: den hohen und den niederen Tieren.

Während die großen, die Baulöwen, Miethaie, Pleitegeier und Alphawölfe, den Raubtierkapitalismus bevölkern (und zwar tierisch erfolgreich), sind ihre Widersacher meist kleine, leicht ausmerzbare Wesen: Krampfhennen und Schmierfinken, Ratten und Schmeißfliegen, Filzläuse und rote Zecken. Nur Schwein und Hund, die treuen Gefährten des Menschen, wechseln ab und an schon mal die Fronten: als armer Hund und Kettenhund, als arme Sau und Bullenschwein.

Das Schweinesystem

Ausgelöst von den kryptischen Bekennerschreiben der Roten Armee Fraktion (RAF), setzte sich in den siebziger Jahren noch ein zweiter Begriff in der Bundesrepublik fest: das Schweinesystem. Ein genuin linkes Gewächs, präziser und protestantischer als der katholische Saustall. Während dieser in der Regel die Folge von Nachlässigkeit und Dekadenz ist, behauptet der vulgärsoziologisch aufgebrezelte Begriff des Schweinesystems, dass informelle Zirkel aus Militär, Politik und Wirtschaft das System nach Belieben steuern.

Schnell wurde das Schweinesystem zur Hassvokabel der Autonomen Szene, des Schwarzen Blocks, der Antiimpi-, Anti-AKW- und Hausbesetzerszene. Anders als die Saustall-Protagonisten spielten sich die Schweinesystem-Skandierer aber nicht als Saubermänner auf, sie wollten weder ausmisten noch ausrotten. Das Wort, so Bernd Rabehl in einer selbstkritischen Rückschau, diente weniger der Beleidigung anderer, es band in strammer Selbstbestätigung vor allem die eigene Klientel zwecks Abgrenzung von einer Welt aus Parteispendenskandalen, illegalem Waffenexport, Amigo-Connection und Barschel-Affäre. Blätter der Bewegung wie Kalaschnikow oder Revolutionärer Funke distanzierten sich: Es wird schnell langweilig, über das imperialistische Schweinesystem immer dieselben dürftigen Sprüche herunterzubeten ... - Das Schweinesystem, belehrte die PDS-nahe Junge Welt den Antifaschistischen Frauenblock, funktioniert letztlich um einiges komplexer als noch die längste Demo-Parole.

Du intrigantes Schwein!

Als die klaren politischen Fronten in den achtziger Jahren verschwammen, fand das Schweinesystem noch einen schwachen Nachhall in der Rockszene, etwa im Song Sex me, Baby! der Kultband Die Ärzte: Wir hassen beide diesen Staat und das Schweinesystem / Die Kirche und das Zölibat hassen wir auch extrem ...

"Kleine fette Sau

Beschimpfungen verletzen laut Strafrechtskommentar die Ehre, wobei die Rechtsprechung den Ehrbegriff noch nicht abschließend geklärt hat. Im römischen Recht war der Sachverhalt eindeutig: Eine Beleidigung galt als Kränkung im wörtlichen Sinn - als Körperverletzung. Heute werden Ehrverletzungen meist sozial definiert: als Rufschädigung oder üble Nachrede.

Da auch Kollektive beleidigungsfähig sind, wird die Sache kompliziert.

Männer sind Schweine etwa ist nicht justiziabel, die eng umrissene Population Bundeswehrsoldaten ... aber doch. Straffrei geht aus, wer sich auf die Freiheit der Kunst oder auf Ehren-Notwehr berufen kann. Als der Schriftsteller Ralph Giordano, dessen Familie unter den Nazis schwer gelitten hatte, einen Oberstaatsanwalt in einem NS-Prozess einen emotionslosen Ochsenfrosch nannte, blieb er straffrei, während die Herabwürdigung einer Politesse als kleine fette Sau bis zu 5000 Mark kosten kann. Exotische Tiere sind offenbar billiger.

Gar nichts bezahlen musste Irmgard Adam-Schwaetzer, als sie ihren Parteifeind Möllemann ein intrigantes Schwein nannte, weil der ihre Karriere als Außenministerin verhindern half. Bild zitierte die Verbalinjurie auf der Titelseite, doch Möllemann verzichtete auf eine Klage.

Die Ökosau

Du intrigantes Schwein!

Bürgerinitiativen und Grüne rückten in den achtziger Jahren erstmals Umweltsauereien ins öffentliche Licht. Verantwortungslose Unternehmer wurden in flagranti ertappt und als Ökosau an den Pranger gestellt. Es ging nicht um die Zerschlagung des Systems, nur um dessen Verbesserung. Entsprechend rangierte die persönliche Beleidigung, wie in den fünfziger Jahren, vor der Beschimpfung des Kollektivs.

Abseits von Bonn machte der Schriftsteller Joseph von Westphalen eine ganz andere Erfahrung: In einem Artikel für die Zeitschrift Natur hatte er den Kampf des Augsburger Grünen-Abgeordneten Raimund Kamm gegen den Milch-Baron Müller beschrieben, dessen Unternehmen Müller-Milch Sahne in das Flüsschen Schmutter entsorgt hatte, was zu periodisch auftretenden Fischsterben führte.

Von Westphalen zitierte Kamms Aussagen über die Ökosau und tadelte, dass dem Abgeordneten deshalb die Immunität aberkannt und eine Strafe von 3000 Mark aufgebrummt worden war.

Sofort stellte Müller Strafanzeige gegen den Autor. Doch da war der Unternehmer an den Falschen geraten. Von Westphalen legte dar, dass es sich bei einer Ökosau um ein liebes, gesund ernährtes Tier handle, das zu Beleidigungen gar nicht tauge. Tatsächlich wurde es von der Umweltbewegung erstmals positiv auf die Fahne gehoben: Für das Netzwerk, das Alternativprojekte finanzieren half, galoppierte die Wildsau. Von Westphalen ließ jedenfalls durchblicken, dass er die Komik des Müller-Milch-Schauprozesses öffentlich machen werde. Der Autor kam mit einem blauen Auge davon. Schwein gehabt.

Schweinejournalismus

Der jüngste Trend im Schweinezyklus zeigt, dass die Zeiten wieder härter werden. Am rechten Rand steigt der Druck. Und ausgerechnet der Linke Lafontaine hat das Stichwort geliefert. Als ihn der Spiegel in den Gewändern Ludwigs des XIV. auf den Titel hob, um ihn als Luxuspolitiker zu diffamieren, polterte Lafontaine: Das nenne ich Schweinejournalismus. Sein Spruch ist zum geflügelten Wort geworden, vor allem auf der extremen Rechten, wo der Vorsitzende der Deutschen Volksunion (DVU), Gerhard Frey, nicht müde wird, den Schweinejournalismus zu geißeln. Gemeint sind die Trüffelschweine der Nachrichtenmagazine, die Muckraker, die ihre Rüssel in jeden Dreck stecken. Es wird enger für euch, rote Schweine!, heißt es in den Hass-Mails des Internet, in den Trash-Foren und Traktaten verbitterter Querulanten.

Rote Schweine und schwule Säue stehen ganz oben auf der Liste.

Du intrigantes Schwein!

Gebe Gott, dass Adenauer wusste, was er sagte, als er verkündete: Ach, wissen Se, morjen läuft schon wieder 'ne janz andere Sau durchs Dorf.