Es gibt, hat Robert Musil einmal bemerkt, zwei große Geisteslagen, die einander ausschließen, bekämpfen und doch seltsam geschwisterlich nebeneinander bestehen. Die eine bemüht sich um Exaktheit und arbeitet sich an den Tatsachen ab. Die andere hat nichts als hohe Werte und Wahrheiten im Sinn, die, wenn nicht ewig, so doch abendländisch, haltbar und würdevoll sind. Und nur ein heilloser Pessimist möchte behaupten: Die Erkenntnisse der einen seien nicht tief genug und die der anderen nicht eigentlich wahr. Denn was finge man am Jüngsten Tag, "wenn die menschlichen Werke gewogen werden", mit drei oder auch dreißig Abhandlungen über Ameisensäure an? Aber was wüsste man umgekehrt vom Jüngsten Tag, "wenn man nicht einmal weiß, was alles bis dahin aus der Ameisensäure werden kann?!"

Musil hat bis auf Widerruf eine Diskursökonomie beschrieben, die vom 19.

Jahrhundert ins 21. herüber reicht und darin besteht, dass zwei unterschiedliche "Kulturen" gegeneinander à la baisse spekulieren und doch insgesamt und gemeinsam gewinnbringend sind. Denn was der eine, der exakte oder wissenschaftliche Geist, an ehrwürdigen Gesetzen und Gewissheiten verbraucht, füllt der andere mit Wertfragen und Bedenklichkeiten auf. Und was der zweite, der moralische oder eigentliche Geist, an Elan, an Welt- und Wirklichkeitsbezug verloren hat, reicht der andere sogleich in Form von Visionen und Science-Fiction nach. Arbeitsteilig hat man sich mit einer Art Lastenausgleich arrangiert, der dafür einsteht, dass sich die Welt fortwährend modernisiert und doch stets die alte und wiedererkennbare bleiben darf.

Der Streit über den Menschen sollte politisch, nicht ontologisch sein

Dass allerdings dieses glücklich verzinste Kapital zweier widerstreitender Kulturen nicht ohne Kursverlust zirkuliert, zeigt die Rede vom Menschen. Denn der Mensch, von dem man seit dem 19. Jahrhundert mit ansteigender Aufregung spricht, ist in dieser Haushaltung zu einer schwierigen oder gar unmöglichen Sache geworden. Sosehr man nämlich im Menschen seit Menschengedenken jenes Bildnis erkennt, das allein, zuverlässig und bis auf weiteres gegen jede Tierheit oder Bestialität schützt, sosehr konnte man von einer anderen Seite dieses Bild nur auf die bilderstürmerische Art retten.

Es erscheint als eine Art Diskursunfall. Die Humanitas, die sich seit zweihundert Jahren im anthropologischen Eifer mit sich selbst auseinander setzt, hat sich selbst dabei auseinander gesetzt und den Menschen verloren.

Mit einer Wissenschaft vom Menschen, von seinen Milieus, seinem Leben und seinen weitläufigen Herkünften, mit dieser Wissenschaft geht die Rechnung nicht mehr auf. Willensfreiheiten hat man mit Gewöhnungen, moralische Regungen mit konditionierten Reflexen und die zivilisierte Empfindsamkeit mit einer mehr oder weniger gelungenen Anpassungsleistung quittiert. Und wenn man auch heute noch ebenso gefahr- wie ratlos das eine wie das andere zugleich behaupten darf, so scheint doch das Menschliche am Menschen zu einer Klammer für Unvereinbarkeiten und somit monströs oder wenigstens provisorisch geworden zu sein.