Am schönsten ist es mittendrin. Im Herzen der Stadt. Auf dem Markt. Im Strom der Düfte dickleibiger Käse und herabhängender Schinken. Umwogt von Kaskaden italienischen Parlandos und geschäftiger Gestikulierkunst florentinischer Marktleute. Ich möchte mitreden, mitfeilschen, mir diese mediterranen Köstlichkeiten lustvoll einverleiben. Aber ich fühle mich wie der Fisch in der Vitrine gegenüber: die Augen starr, den Mund offen - non parlo italiano. Eine harte Lektion. Florenz könnte so schön sein.

Seit heute Vormittag um zehn Uhr spreche ich Italienisch. Den Einstufungstest habe ich mir erspart und mich zum puren Anfänger erklärt. Trotz meiner neun Jahre Latein. Links von mir Silja, eine Schwedin. Sie spricht Gott sei Dank Deutsch. Daneben Annette, eine junge Deutsche mit etwas hageren Gesichtszügen, die irgendwie sehr sprachbegabt aussieht. Dann noch eine Japanerin, deren Namen auch beim zweiten Nachfragen wie Sushi klingt.

Vermutlich kann ich wenigstens besser Latein als sie. Das ist zwar albern, aber es beruhigt im Moment. Die zwei, drei Herren hinter mir habe ich nicht im Blick.

An Latein mochte ich, dass man es nicht sprechen musste. So sitze ich schweigend, psychisch eingeklemmt in meine Schulvergangenheit, und warte, dass meine Mitschüler reden. Marktbilder steigen in mir auf, Goldbrassen und Venusmuscheln, Parmesan und Pecorino. Dann erscheint eine hübsche, agile Italienerin mit rötlichem Haar, die uns begrüßt. Wally, unsere Lehrerin. Der Unterricht hat begonnen.

Brot, Wein und Sprache heißt der Italienischkurs, abgehalten unter den Dächern des Palazzo Borghese, mitten in der Altstadt von Florenz. Es ist das Konzept der Sprachschule Koinè, das mich lockte: Sprache spielerisch zu lernen, Buchlektionen mit Weintesten und Kochen zu verbinden. Denn ein paar Schritte vom Palazzo entfernt, liegt im mittelalterlichen Gewölbe der Loggia di Villani die Enoteca de' Giraldi mit Weinschänke, Tischen, Weinkeller und Kochgelegenheit - ein Unterrichtsraum der besonderen Art. Küchentisch statt Schulbank. Crostini statt Lexikon. Das macht auch einem Sprachenmuffel Spaß.

Buongiorno, sono Enrico ... - ich habe gesprochen!

Stefano redet langsam und trotzdem Italienisch. Er ist der Koch, und wir hängen an seinen Lippen. Er verkündet eine frohe Botschaft, die da lautet pesto, carrettiera und funghi. Wie bereitet ein italienischer Koch sie zu, diese pikanten Soßen zur hausgemachten Pasta, und welchen Wein empfiehlt er?