Zum ersten Mal entdeckte er sie am Straßenrand: kleine geflochtene Körbchen oder zu flachen Schalen geformte Palmblätter, in denen Hibiskusblüten lagen, gekochter Reis und ein paar mit Kurkuma gefärbte Kokosraspel. Neben Zigarettenstummeln schienen sie auf dem grauen Asphalt übrig geblieben, achtlos waren einige von eiligen Füßen zertreten, manche von Autos überfahren worden. Das sind keine exotischen Abfälle, sagt Peter Loewy und deutet auf ein Foto. Das sind Speisen für Götter.

Auf Bali sind die Götter unersättlich und allgegenwärtig. Das merkte der 1951 in Israel geborene Fotograf, der in Frankfurt lebt, auf seiner kulinarisch-übersinnlichen Reise sehr schnell. Denn nicht nur das hinduistische Dreigestirn Brahma, Vishnu und Shiwa regiert die tropische Insel im Indischen Ozean. Neben ihnen und ihren Gemahlinnen Saraswati, Sri und Parwati tummeln sich unzählige weitere übernatürliche Wesen, Naturkräfte, Geister, Dämonen und Ahnen. Ihnen sind selbst im kleinsten Dorf Tempel geweiht. Jahraus, jahrein, Tag für Tag huldigen die Balinesen ihren unsterblichen Helden mit Prozessionen und Festen, aber auch mit bescheidenen Geschenken.

Solche Opfergaben wollte Loewy porträtieren und so dem Geheimnis und der Macht dieses animistischen Versicherungssystems auf die Spur kommen. Wir im Westen fühlen uns cool, meint er, aber auch wir brauchen Amulette und Fetische, glauben an Glückszahlen und Horoskope. Während der aufgeklärte Europäer bei entsprechenden Gesellschaften Beiträge zahlt, um das Schicksal gewissermaßen in Schach zu halten, verhandeln die Balinesen direkt mit den Göttern. Mich fasziniert vor allem, wie sie Rituale in den Alltag einbinden.

Freunde hatten ihm von Kemenuh erzählt, einem kleinen Ort in der Gegend von Ubud, dem Dorf der Maler. Mit Hotels, Restaurants, Boutiquen und Palästen, in denen legong und gambuh, höfisches Ballett und Theater, aufgeführt werden, bedient dieses beliebte touristische Urlaubsziel Klischeevorstellungen von Exotik perfekt. Kemenuh dagegen ist ein Geheimtipp für Reisende, die jenseits des Ethno-Kitsches nach ursprünglichen Lebensformen suchen. Loewy wohnte in Sua Bali, einer nahe gelegenen einfachen Hotelanlage mit rund zehn kleinen Apartments, umgeben von einem üppigen Garten aus Palmen und Hibiskus mit Blick auf den Agung, den immer noch speienden Vulkan der Insel. Sua Bali bedeutet Begegnung, Treffpunkt. Die balinesische Besitzerin Frau Mas hat in Deutschland studiert und bemüht sich um eine Art von ökologischem Tourismus, der die kulturellen Wurzeln nicht verletzt.

Religion braucht das Ritual. Es beruhigt

Endlich hatte Loewy den Ort gefunden, an dem er wieder etwas lernen konnte über die vitale Kunst des Opferns. Schon lange beschäftigt es mich, warum allen Menschen Ästhetik so wichtig ist, erzählt er. Wir versuchen, unsere Ängste durch Zeremonien zu bannen. Wir dekorieren, drapieren, verschönern ...

Schon als er für ein Buch sakrale Gegenstände, Symbole und Nippes des jüdischen Lebens in ihrer häuslich-banalen Umgebung fotografierte, hatte er entdeckt, dass der Sinn von Religion das Ritual selbst ist, das Machen von Dingen. Denn die feinmotorische Handarbeit beruhigt die Nerven und trainiert das Gehirn. Während der profane Westen Konsumleidenschaft obszön inszeniert, weil er die Verbindung zu seinen sakralen Ursprüngen verloren hat, bewahren die Balinesen die kultisch-magische Welt ihrer guten und bösen Geister. Die hausen in jedem Stein und Baum genauso wie in Benzinkanistern und Computern. Alle Gottheiten wollen milde gestimmt, besänftigt und mit Gaben bedacht sein. So flechten, binden, schichten und arrangieren vor allem die Frauen canang sari und kewangen, kleine und größere Körbchen und Tüten aus Bambus, Bananen- und Betelblättern, Blüten, Duftöl, Münzen für die Prieser, Reis, gefärbtem Kokos und Räucherstäbchen.