Die Kur steht fest. Alle Gutachten und Gegengutachten haben am Ende nur die Einsicht bestärkt, dass es anders nicht weitergehen kann. Doch scheint unsicher, ob der Patient auch begriffen hat, was auf ihn zukommt. Das nächste Jahr noch, ein letztes, wird die D-Mark im Umlauf bleiben

dann wird den Deutschen entzogen, was ihnen Trost, Ablenkung und Betäubung in allen Kümmernissen versprach. Ob der Euro, der die Mark ablösen soll, auch nur die lindernde Wirkung von Methadon entfalten kann, ist mehr als fraglich

und selbst wenn, wird er doch den Kick vermissen lassen, den die Deutschen in der Härte ihrer Währung fanden.

Vor zwei Jahren, als das 50-jährige Jubiläum der Mark begangen wurde, da schien dem Volk noch klar, dass der Verzicht nicht leicht würde

in die Feierlichkeiten mischte sich etwas Banges, über die eigene Courage Erschrockenes, das von der Zukunftsgewissheit anderer europäischer Nationen abstach, die ihre Währung ebenfalls aufgeben müssen. Welcher Italiener weinte vorsorglich der Lira nach? Der Vergleich ist, nur weil die Lira gern als schwach galt, keineswegs abwegig. Er hinkt nur deshalb, weil die Erotik des Geldes, die alle Völker kennen, in Italien keine Erotik der Währung ist. Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer D-Mark hat, so lässt sich wohl kaum bestreiten, obsessive Züge. Es ist nicht der gelassene Stolz der Amerikaner, deren Geld überall auf der Welt gern gesehen und genommen wird, weil es so etwas wie die Supermacht unter den Währungen ist. Es ist im Gegenteil eine eifersüchtige Liebe, die sich der Deutsche über den Umweg seiner Währung, wider die historische Erfahrung internationaler Ächtung, am Ende selbst zugute kommen lassen wollte. Wie ein Dollar aussieht, weiß buchstäblich jedes Kind. Das kann man von der D-Mark nicht behaupten

gegenüber England, Frankreich, Amerika, die als Hegemonialmächte überall bekannt sind, konnte Deutschland plötzlich in den Rang eines größeren Krämerladens abrutschen, von dem man anderorts nur die Produkte, zum Beispiel die großen Autos, kennt.

Offenbar ist aber der Produktstolz, so sehr er zum deutschen Seelenleben gehört, nicht geeignet, den gekränkten Währungsstolz zu heilen. Die Währung wird augenscheinlich als Niederschlag eines Allgemeineren erlebt, eher von Tugenden und Werten als von bloßem Industriefleiß. In der Härte der Mark sah der Deutsche seine Disziplin, seine Ordnung, wahrscheinlich das Wohleingerichtete seiner Verhältnisse überhaupt gespiegelt. Manches spricht dafür, dass er sie als Zeugnis, womöglich Zentrum seiner Kultur sah, nachdem alle eigentlich kulturellen Werte und Traditionen von der nationalsozialistischen Katastrophe verschlungen waren. Alles, was sich ehedem als deutsch von den Nachbarn überhaupt abgrenzen ließ, geriet unter den Verdacht des Sonderwegs zu Auschwitz. Die Differenz, ohne die es keine Identität geben kann, wurde selbst für böse erachtet.