Leben - oder bloß Überleben?

Es gibt keinen Zweifel: Das Angebot, Kinder nach Maß zu fertigen, für das eine neue Sorte kundenorientierter Genetiker die Trommel rührt, ist eine Möglichkeit, die gewiss nur von wenigen zukünftigen Eltern abgelehnt werden wird. Eltern, die es sich leisten können, werden davon gern Gebrauch machen.

Schließlich verspricht das Angebot (jedenfalls würde man sich das erhoffen) die ungetrübten Freuden der Elternschaft ohne die üblichen Sorgen. Das wäre ein seltener Luxus in unserer Risikogesellschaft, in der die meisten Schritte, die wir unternehmen, eher dem Kauf eines Lotterieloses gleichen. So ist in einer prekären Welt von Idolen, die ebenso schnell verfallen, wie sie entstehen, schon die Gewissheit, ein Produkt ohne versteckte Mängel zu kaufen, der Gipfel der Glückseligkeit. Niemand möchte in einer Welt, in der es keine Wirkungen ohne Nebenwirkungen gibt und in der die Zukunft als dunkel und undurchsichtig empfunden wird, voller Gefahren und Wendungen des Schicksals, zur Geisel dieses Schicksals werden.

Es gibt aber noch andere Verheißungen, die das gentechnische Angebot verlockend erscheinen lassen. Es verspricht uns nicht nur eine gewöhnliche, sondern eine heutzutage völlig außergewöhnliche Gewissheit: nämlich eine auf Dauer gestellte Gewissheit. Das Leben des einzelnen Körpers ist mittlerweile die einzige Größe mit steigender Lebenserwartung - und das Versprechen einer unfehlbaren Gen-Ausstattung ist mit einer Garantie auf Lebenszeit verbunden.

Wie verlässlich diese Garantie ist, wurde bislang nicht geprüft, und das macht die Sache nur noch verlockender.

Was wir uns unter Glück vorstellen, sind immer nur Bilder eines Zustands, in dem die Schmerzen von heute nicht existieren. Die Schmerzen von morgen kennen wir nicht und fühlen wir nicht. Wir können uns nicht vorstellen, welche Qualen genetisch manipulierte Menschen durchleiden, wenn sie das Alter erreichen, in dem wir zum Zeitpunkt ihrer Gestaltung waren. Doch solche düsteren Gedanken können wir jederzeit verscheuchen, wenn wir den Naturwissenschaftlern glauben: Für sie ist die Kunst des Lebens lediglich eine Leistung der Gene. Und wenn es im Mittelalter für jede menschliche Unpässlichkeit einen besonderen Teufel und einen speziellen Austreibungsritus gab, so gibt es nunmehr für jedes Leiden oder jede Schwäche ein Gen, das nur entdeckt und ordnungsgemäß ersetzt zu werden braucht. Es wird ebenso viele, wenn nicht sogar mehr Lösungen als Probleme geben.

Selbst damit sind die attraktiven Seiten des gentechnischen Angebots keineswegs erschöpft. Die Aufforderung zur Perfektion inszeniert sich nämlich auch als Privileg (wie einst das Angebot exklusiver Schulen oder heute das Angebot exklusiver Wohnsiedlungen). Es verheißt nicht bloß das gute Leben, sondern gesellschaftliche Distinktion. Zum Club der genetisch Vollkommenen werden nur verhältnismäßig wenige Zutritt haben. Man kann sicher sein, dass die enormen Kosten der Mitgliedschaft keine Kinderkrankheit der neuen Technologie darstellen, sondern ihr ständiges Merkmal bleiben werden. Es wird immer wieder neue, unvermutet auftauchende Leiden zu kurieren geben, immer wieder neue Gene, denen die Gunst entzogen wird und die ersetzt werden müssen. Man kann sich dieses Privilegs also sicher sein - während die meisten traditionellen Privilegien von Tag zu Tag wackliger und zweifelhafter werden.

Das neue Privileg scheint, seit den Tagen göttlicher Salbung, lohnender als jedes andere zu sein. Die Distinktion wird nicht mehr so fragwürdige und umstrittene Begriffe wie mindere Intelligenz, geringeren Schneid oder Fleiß der rangniederen Sterblichen bemühen müssen. Nein, all dies wird jetzt wissenschaftlich bescheinigte Ursachen haben - und wer sind wir denn, dass wir es wagen, wissenschaftliche Urteile infrage zu stellen? Gegen die Statusüberlegenheit der Höhergestellten lässt sich Protest anmelden, wenn ihr sozialer Rang eine Klassenfrage, glücklicher Zufall oder einfach nur Skrupellosigkeit war. Aber wer will gegen die Gene protestieren?

Leben - oder bloß Überleben?

Die Menschheit als handelndes Subjekt ist noch nicht in Sicht Kein Wunder, dass diejenigen, die die wunderbaren Erfindungen der Naturwissenschaften zu nutzen gedenken, ins Schwärmen geraten. Sie sind erpicht darauf, die alten Warnungen vor den Gefahren zu widerrufen, die in einer Naturwissenschaft lauern, die ihre ethische Unbekümmertheit ja selbst eingesteht. Die Vorfahren dieser Privilegierten wähnten Gott auf ihrer Seite - die heutigen Naturwissenschaften sind zweifelsfrei auf ihrer Seite. Und gerade weil die hoffnungsfrohen Nutznießer der neuen wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und die publizistischen Meinungsmacher mehr oder weniger aus demselben Personenkreis stammen, schnellen die Beliebtheitswerte für die Naturwissenschaften auf der Skala nach oben.

Eine der klügeren Ideen von John Major in seiner Zeit als britischer Premierminister war die Charta der Staatsbürgerrechte. Sie beschreibt den Staatsbürger als Konsumenten von Dienstleistungen, die die Regierung liefern muss, wenn sie die Kundschaft nicht verlieren möchte. Ein Mitspracherecht daran, wie und zu welchem Zweck die Regierungsgeschäfte im Lande ausgeübt werden, fand sich unter den aufgeführten staatsbürgerlichen Rechten nicht.

Man ging von der berechtigten Annahme aus, dass die Bürger, die sich dafür interessieren könnten, dünn gesät seien. "Beurteilen Sie uns nach der Qualität unserer Verbraucherprodukte, das Übrige braucht Sie nicht zu kümmern" - besagte Majors Botschaft offenbar, und die meisten Menschen begrüßten das freudig (vorausgesetzt, sie gaben sich überhaupt damit ab).

Vielleicht war es Majors Pech, eine taube Partei am Hals zu haben - doch seine eigenen Ohren waren scharf, und seine Botschaft erfasste die öffentliche Stimmung tadellos.

Die Verzauberten und Verzaubernden, die uns heute auffordern, die Naturwissenschaften nach der Qualität der von ihr zum Verbrauch feilgebotenen Produkte zu beurteilen und darüber die Qualität der Welt zu vergessen, in der Verbraucher verzweifelt versuchen, "biografische Lösungen für Systemwidersprüche zu finden", wie Ulrich Beck treffend sagt, haben möglicherweise ebenso scharfe Ohren. Während das wissenschaftlich motivierte und über den Markt vertriebene genetische Knowhow für den individuellen Konsum die Fantasie von Tag zu Tag mehr entflammt und die Münder wässrig macht, wächst die Zahl der Länder, deren Ökonomien von der wissenschaftlich motivierten und über den Markt vertriebenen Technologie der Monokulturen und schädlingsresistenten Feldfrüchte unwiderruflich zerstört werden. Nicht erneuerbare Energiequellen werden verbrannt, erwärmen den Planeten und verschmutzen seine Atmosphäre. Riesige Flächen verwüsteten Bodens, Hochwasser und Hurrikane nie gekannter Ausmaße, ganze Bergrücken, die nunmehr baumlos sind, oder die immer mörderischeren Waffen, die auf den zahllosen Schlachtfeldern der Erde eingesetzt werden, sind ebenfalls Erzeugnisse der Naturwissenschaften - also jenes kühnen Projekts, das Gottes Fehler korrigieren will, um zu verbessern, was in der Natur falsch angelegt ist.

Doch nach welchem ihrer Produkte sollen die Naturwissenschaften beurteilt werden?

Während die Arbeit am wissenschaftlich gestalteten Menschen sprunghaft vorankommt, ist die Kritik an einer naturwissenschaftlich geformten humanen Welt in Misskredit geraten. Und selbst wenn Bedenken gegen die Naturwissenschaft nicht verpönt wären, wüssten wir nicht, welche Instanz unsere Vision einer guten Gesellschaft umsetzen könnte, falls wir denn eine solche Vision hätten. Die Mittlerinstanzen unseres gemeinsamen Willens, unsere politischen Institutionen, sind zwar wirkungsmächtig genug, um der naturwissenschaftlichen Beihilfe zur Beschaffung neuartiger Konsumchancen freien Lauf zu lassen doch zugleich sind sie unfähig, die Werte zu bestimmen, die mit dieser Freiheit erstrebt werden sollen. Und noch mehr sind sie damit überfordert, die unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Folgen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in den Griff zu bekommen. Denn wie unsere individuelle Gestaltungsmacht wächst auch unsere kollektive Ohnmacht.

Leben - oder bloß Überleben?

Aus diesem Grund ist die Frage, "Was die Zukunft aus dem Menschen macht?", eine unsinnige Frage. Die Zukunft macht überhaupt nichts, sie wird vielmehr von uns gemacht - wissentlich oder unwissentlich. "Was wird die Menschheit aus der Zukunft machen?" - sollte die eigentliche Frage sein, obwohl sie vorerst eine akademische Frage bleibt: Die Menschheit als handelndes Subjekt ist noch nicht in Sicht, und bevor wir anfangen, diese wahrlich lebenswichtige Frage zu beantworten, müssen wir etwas tun, um dieses handelnde Subjekt hervorzubringen. Allerdings wissen wir kaum, wie wir die Aufgabe angehen sollen. Deshalb wäre es schon hilfreich, darüber nachzudenken, wie wir daran möglichst bald etwas ändern können.

Aus dem Englischen von Karin Wördemann Zygmunt Bauman ist Professor emeritus für Soziologie an der Universität Leeds/England. Zuletzt erschien in der Hamburger Edition "Krise der Politik"