Die Menschheit als handelndes Subjekt ist noch nicht in Sicht Kein Wunder, dass diejenigen, die die wunderbaren Erfindungen der Naturwissenschaften zu nutzen gedenken, ins Schwärmen geraten. Sie sind erpicht darauf, die alten Warnungen vor den Gefahren zu widerrufen, die in einer Naturwissenschaft lauern, die ihre ethische Unbekümmertheit ja selbst eingesteht. Die Vorfahren dieser Privilegierten wähnten Gott auf ihrer Seite - die heutigen Naturwissenschaften sind zweifelsfrei auf ihrer Seite. Und gerade weil die hoffnungsfrohen Nutznießer der neuen wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und die publizistischen Meinungsmacher mehr oder weniger aus demselben Personenkreis stammen, schnellen die Beliebtheitswerte für die Naturwissenschaften auf der Skala nach oben.

Eine der klügeren Ideen von John Major in seiner Zeit als britischer Premierminister war die Charta der Staatsbürgerrechte. Sie beschreibt den Staatsbürger als Konsumenten von Dienstleistungen, die die Regierung liefern muss, wenn sie die Kundschaft nicht verlieren möchte. Ein Mitspracherecht daran, wie und zu welchem Zweck die Regierungsgeschäfte im Lande ausgeübt werden, fand sich unter den aufgeführten staatsbürgerlichen Rechten nicht.

Man ging von der berechtigten Annahme aus, dass die Bürger, die sich dafür interessieren könnten, dünn gesät seien. "Beurteilen Sie uns nach der Qualität unserer Verbraucherprodukte, das Übrige braucht Sie nicht zu kümmern" - besagte Majors Botschaft offenbar, und die meisten Menschen begrüßten das freudig (vorausgesetzt, sie gaben sich überhaupt damit ab).

Vielleicht war es Majors Pech, eine taube Partei am Hals zu haben - doch seine eigenen Ohren waren scharf, und seine Botschaft erfasste die öffentliche Stimmung tadellos.

Die Verzauberten und Verzaubernden, die uns heute auffordern, die Naturwissenschaften nach der Qualität der von ihr zum Verbrauch feilgebotenen Produkte zu beurteilen und darüber die Qualität der Welt zu vergessen, in der Verbraucher verzweifelt versuchen, "biografische Lösungen für Systemwidersprüche zu finden", wie Ulrich Beck treffend sagt, haben möglicherweise ebenso scharfe Ohren. Während das wissenschaftlich motivierte und über den Markt vertriebene genetische Knowhow für den individuellen Konsum die Fantasie von Tag zu Tag mehr entflammt und die Münder wässrig macht, wächst die Zahl der Länder, deren Ökonomien von der wissenschaftlich motivierten und über den Markt vertriebenen Technologie der Monokulturen und schädlingsresistenten Feldfrüchte unwiderruflich zerstört werden. Nicht erneuerbare Energiequellen werden verbrannt, erwärmen den Planeten und verschmutzen seine Atmosphäre. Riesige Flächen verwüsteten Bodens, Hochwasser und Hurrikane nie gekannter Ausmaße, ganze Bergrücken, die nunmehr baumlos sind, oder die immer mörderischeren Waffen, die auf den zahllosen Schlachtfeldern der Erde eingesetzt werden, sind ebenfalls Erzeugnisse der Naturwissenschaften - also jenes kühnen Projekts, das Gottes Fehler korrigieren will, um zu verbessern, was in der Natur falsch angelegt ist.

Doch nach welchem ihrer Produkte sollen die Naturwissenschaften beurteilt werden?

Während die Arbeit am wissenschaftlich gestalteten Menschen sprunghaft vorankommt, ist die Kritik an einer naturwissenschaftlich geformten humanen Welt in Misskredit geraten. Und selbst wenn Bedenken gegen die Naturwissenschaft nicht verpönt wären, wüssten wir nicht, welche Instanz unsere Vision einer guten Gesellschaft umsetzen könnte, falls wir denn eine solche Vision hätten. Die Mittlerinstanzen unseres gemeinsamen Willens, unsere politischen Institutionen, sind zwar wirkungsmächtig genug, um der naturwissenschaftlichen Beihilfe zur Beschaffung neuartiger Konsumchancen freien Lauf zu lassen doch zugleich sind sie unfähig, die Werte zu bestimmen, die mit dieser Freiheit erstrebt werden sollen. Und noch mehr sind sie damit überfordert, die unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Folgen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in den Griff zu bekommen. Denn wie unsere individuelle Gestaltungsmacht wächst auch unsere kollektive Ohnmacht.