Neulich flatterte mir schon wieder ein Haftbefehl gegen einen Bürger aus Ex-Jugoslawien auf den Tisch. Sein Vergehen: Er hat einen Stock mit Schnur ins Wasser gehalten - und damit gegen das Fischereigesetz verstoßen, denn angeln darf man in Deutschland eben nur mit Angelschein. Jetzt geht das los: Der bekommt einen Strafbefehl, mit dem sich gut bezahlte Staatsanwälte befassen. Der Angeklagte kommt zu uns, und weil er von seiner Sozialhilfe die 100 Mark Strafe nicht zahlen kann, geht er für zehn Tage ins Gefängnis. Jeder Tag im Gefängnis kostet den Staat 200 Mark.

Das müssen Sie sich mal vorstellen - dieser Aufwand, diese Kosten, alles nur wegen eines Stocks mit Schnur. Denn die Männer angeln ja nicht, um Geschäfte zu machen. Das sind arme Leute, die eine reduzierte Sozialhilfe bekommen und versuchen, sich etwas zum Essen zu verschaffen, so wie sie es in ihrer Heimat gemacht haben. Wenn sie zu mir kommen, um sich beraten zu lassen, begreifen sie gar nicht, was sie falsch gemacht haben sollen. Und das ist kein Einzelfall, allein ich hatte solche Anglergeschichten schon über zehnmal.

RENATE HAASE

Sprecherin der Berliner Bewährungshelfer