Reisefreiheit, Marktfreiheit, Meinungsfreiheit. Von den drei großen Errungenschaften der osteuropäischen Revolution von 1989 scheint letztere die delikateste zu sein. Dass Journalisten einfach schreiben, was sie wollen, scheint manche der postsozialistischen Politiker in Osteuropa gründlich zu wurmen. In vielen Ländern - in Ungarn und Rumänien, neuerdings Kasachstan, leider auch wieder Russland - ziehen Staatenlenker und Staatsanwälte nicht selten persönlich gegen Journalisten zu Felde.

Dass Politiker jedoch Pressevertreter umbringen lassen, ist weniger Usus - zumindest bislang. Dies genau ist der Vorwurf, den in der vergangenen Woche 10 000 Demonstranten in der Ukraine gegen ihren Präsidenten erhoben haben. In Kiew kursieren Tonbänder, die beweisen sollen, dass Leonid Kutschma den oppositionellen Journalisten Georgij Gongadse mit allen Mitteln beseitigen lassen wollte. Kutschma tut die Vorwürfe mit L'État c'est moi-Geste als Komplott gegen die Ukraine ab. Polizei und Justiz tun sich schwer, den Fall zu verfolgen. Die DNA-Analyse einer durch Säure unkenntlich gemachten Leiche wird hinausgeschoben, ein Zeuge und Geheimdienstoffizier muss sich im Ausland verstecken.

Der ungeheuerliche Verdacht wird an Kutschma kleben bleiben, solange seine Unschuld nicht bewiesen ist. Seine autokratische Machtausübung allerdings dürfte dieser Schönheitsfehler kaum behindern - wenn niemand mehr darüber schreibt. M.T.