Im Herbst fielen die Zustimmungswerte des japanischen Premierministers Yoshiro Mori unter 20 Prozent. Da war sich die politische Klasse in Tokyo einig, dass der Regierungschef den Winter im Amt nicht überleben würde. Doch siehe da: Es ist kurz vor Neujahr, und Mori steht einem neuen Kabinett vor, das am vergangenen Sonntag den Haushalt 2001 für das am 1. April beginnende Geschäftsjahr verabschiedete.

So dampft die Wirtschaftslokomotive Japan, die vor zehn Jahren noch die ganze Welt vor sich herschob, weiter mit Volldampf ins Nirwana. Mit jedem Tag rückt das Niemandsland näher, in dem der Staat nicht mehr handlungsfähig sein wird - mit jedem Tag, an dem die Börsenkurse weiter sinken, mehr Firmen ihren Bankrott anmelden, die Banken neue Kreditlöcher stopfen und der Staat den Schuldenberg weiter auftürmt, der längst höher ragt als jeder andere dieser Welt. Ein "System der Verantwortungslosigkeit" hatte der große japanische Philosoph Masao Maruyama einst den japanischen Militarismus im Zweiten Weltkrieg genannt. Ein solches System, in dem niemand die Kosten für die Zukunft benennt, keiner dem Leben über die eigenen Verhältnisse Einhalt gebietet, scheint das Kaiserreich heute erneut zu beherrschen.

Keiner verkörpert das System besser als ein 81-jähriger Mann. Kiichi Miyazawa war schon Anfang der fünfziger Jahre bei der Unterzeichnung des amerikanisch-japanischen Friedensvertrages dabei, diente in den Siebzigern als Finanzminister und Anfang der Neunziger als Premierminister. Damals sanken seine Zustimmungswerte unter zehn Prozent. Doch heute macht Miyazawa, vor zwei Jahren erneut zum Finanzminister gekürt, munter weiter - gemäß dem Motto: "Nach uns die Sintflut."

Früher galt es in Japan als Pflicht der Alten, den Jungen reinen Wein einzuschenken. Damit begründete man ein in Politik und Wirtschaft bis heute fortbestehendes Senioritätsprinzip. Doch der Greis Miyazawa predigt dem Land auch zu diesem Neujahrsfest unablässige Verschwendungssucht. "Wir werden zukünftigen Generationen hohe Schulden hinterlassen", erklärte der Minister seinen neuen Haushaltsentwurf, der dem alten aufs Haar glich. "Aber wir können unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen noch keine Reform der Fiskalpolitik starten."

Wie soll das weitergehen? Die Börse nähert sich ihrem Tiefststand seit der Rezession der neunziger Jahre. Der Konsum umfasst 60 Prozent des zweithöchsten Bruttosozialprodukts der Welt - wie soll er in der Überflussgesellschaft, die das übervölkerte Japan prägt, weiter steigen und die Wirtschaft aus dem Tal holen? Ökonomen verzweifeln an den hohen Sparraten der Japaner, die der Wirtschaft nicht zugute kommen. Doch wofür das viele Geld ausgeben? Nur der Staat weiß immer, wofür er Milliarden zum Fenster hinauswerfen kann: noch ein Superschnellzug in die hinterste Provinz, noch eine Flughafenerweiterung, noch ein Brückenbau. Für all das sind im Haushalt 2001 erneut die Mittel vorgesehen. Damit die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) auch die Oberhauswahlen im nächsten Sommer übersteht, muss die unproduktive Bauindustrie weiter gepeppelt werden, die ein Zehntel der arbeitenden Bevölkerung ernährt. So einfach ist die Rechnung fürs neue Jahr.

Die weitere Zukunft klammert sie in voller Verantwortungslosigkeit aus.

Schon errechnen ausländische Experten den Zeitpunkt, an dem der Lokomotive im Nirwana der Dampf ausgeht. Für das Jahr 2005 prognostiziert David Asher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) Japans Staatsbankrott. Im Jahr 2015 sieht eine neue Studie des amerikanischen Geheimdienstes CIA das Land mit dem Bruttosozialprodukt hinter China zurückfallen. "Tokyo hat bisher nicht den Willen gezeigt, die nötigen schmerzhaften wirtschaftlichen Reformen durchzusetzen, die den Niedergang seiner Führungsrolle in Asien stoppen könnten", konstatiert der Bericht des National Intelligence Council in Washington trocken.