Robert Cormier schreibt Thriller. Thriller aus kurzen Sätzen, in denen die Bedrohung lauert: "Eric Poole fing mit Katzen an." Folgt die Verdichtung unserer bösen Vorahnung: "Oder genauer gesagt mit kleinen Kätzchen. Es gefiel ihm, sie zu halten und zu streicheln, die zarten Knochen unter dem Fell zu spüren." Was Eric Poole dann gar nicht gefällt: wenn Kätzchen zu Katzen werden. "Sie sträubten sich und verlangten nach härteren Maßnahmen. Das hasste er. Hasste drastische Maßnahmen. Hasste Gewalt, konnte sie aber manchmal nicht vermeiden."

Konsequent erzählt Cormier seine Geschichte von Eric Poole. Drei Hauptfiguren beanspruchen je einen Erzählstrang. Das Mädchen Lori tritt als Erzählerin auf: "Bei mir ist das so, dass ich nichts dagegen tun kann, wenn ich auf etwas total fixiert bin." Auf Throb zum Beispiel, den Sänger der Gruppe Entertainment Tonight, ist sie fixiert, auf Throb und seine Zahnlücke: "Ich musste meine Lippen auf seine Lippen pressen und meine Zunge durch dieses Loch in seinem Mund schieben." Nach einer Fernsehübertragung der Entlassung Eric Pooles aus der Jugendstrafanstalt ist Lori neu fixiert. Sie macht sich auf, Eric zu begegnen.

Parallel laufen zwei weitere Stränge: die Ereignisse aus der Sicht des Police Lieutenant Jake Proctor und schließlich der Perspektive des Täters - Eric Poole. Als Fünfzehnjähriger hat er seine Mutter und seinen Stiefvater ermordet. Jetzt soll der Achtzehnjährige aus der Haft entlassen werden. Aber Jake Proctor ahnt und der Leser weiß, dass Eric Poole ein zwanghafter Mörder ist, der bereits drei junge Mädchen umgebracht hat.

Robert Cormier rückt diesen Mörder ganz nah, wir müssen seinen Blicken folgen, seinen wohligen Erinnerungen: "Er träumte zwar nie, aber er verbrachte herrliche Minuten in seinem Bett, wenn er mit halb geschlossenen Augen, so zusammengerollt wie ein Embryo im Mutterleib, vergangene Augenblicke mit seinen Mädchen Revue passieren ließ - mit Laura und Betty Ann und Alicia. Augenblicke der Intimität und Ekstase und einer Zärtlichkeit, die durch und durch ging und zu einem Schmerz in seinem Inneren wurde."

In der Einsamkeit seiner Zelle hält Eric Poole nur eine Maus in seiner Hand: "Der Puls des kleinen Körpers schlug zart gegen seine Handfläche. Die Nase bebte, der Körper zuckte." Er drückt zu, und "der Augenblick der Zärtlichkeit verstrich so schnell und flüchtig, als hätte es ihn nie gegeben".

Mit Eric Pooles Entlassung aus der Haft setzt ein neuer Spannungsbogen ein, die Figuren bewegen sich aufeinander zu, die Geschichte füllt sich mit Details, die drei Erzählstränge sind so perfekt versetzt und proportioniert, dass sie immer fiebriger auf ein Ende zusammenlaufen.

Zärtlichkeit zeigt Cormiers Meisterschaft, Geschichten zu konstruieren, dabei die Konstruktion ganz offen zu zeigen, als führe er einen Versuchsaufbau im Labor vor, um dann durch eine vehemente Dosis sprachlicher Präzision und erzählerischer Spannung die erdachte Konstruktion vergessen zu lassen.