Ob künftig die Naturwissenschaften anstelle der Geisteswissenschaften verbindliche Normen und Leitbilder liefern werden - diese Frage hat die Praxis unseres Daseins längst beantwortet, indem sie die Aufklärung konsequent zu Ende führt. Nachdem Nietzsches Diktum, Gott sei tot, durch unser mörderisches Ingenium im 20. Jahrhundert bestätigt wurde, ist von den alten Werten und Glaubensinhalten nicht mehr übrig geblieben als hilflose Sprüche von "Ethikkommissionen", ein Hintergrundgeräusch, das kaum einer vernimmt. Unsere Moral und Humanität gründeten im Religiösen, im Umkreisen von sich wandelnder Transzendenz, was wir, fortschrittssüchtig, nicht wahrhaben wollten. Jetzt jedoch merkt man sehr deutlich, dass wir uns selbst den Boden unter den Füßen weggezogen haben, indem wir uns unwissentlich einer Gottheit unterwarfen, von der wir annahmen, dass sie unser Diener wäre. Wir waren und sind Zauberlehrlinge und werden es fernerhin sein. Und wenn von der "Entzauberung" der Welt die romantisierende Rede ist, so meine ich, erst in unserer Gegenwart ist sie dem Zauber verfallen, aber einem bösen.

Die naturwissenschaftliche Durchdringung aller Bereiche, alles Lebendigen, oftmals von uns unbemerkt, hat den grundlegenden Wandel bewirkt. Aus der "Krone der Schöpfung" ist ein Sammelsurium zahlloser Gene geworden, ein durch nichts mehr geheiligtes Stück Materie, ach, eher noch: Material. Diese Materialität prägt und trägt unbewusst unser Denken und Trachten. In unser Selbstverständnis hat sich etwas eingeschlichen, was dem Blick des Wissenschaftlers auf sein Objekt ähnelt. Durfte man früher seine Frustrationen dem "Sündenfall" zuschreiben, einem immerhin einzigartigen und universalen und darum auch tröstenden Geschick, so setzen sich heute die psychischen Störungen aus diversen konkret analysierbaren Einflüssen zusammen, erweisen sich also als funktionale reparaturbedürftige Defekte.

Obwohl in einem anderen Zusammenhang gesprochen, schwingt in dem Stalin-Wort vom Ingenieur der menschlichen Seele bereits mit, was inzwischen zur heimlichen, gar unheimlichen Struktur des Existierens geworden ist. Diese sich ständig weiter verästelnde Struktur, das engmaschiger werdende Netzwerk ökonomischtechnischer Beziehungen, hat uns eingewoben wie die Spinne die Fliege. Insbesondere die geistige und mentale Bewegungsfähigkeit scheinen zunehmend eingeschränkt. Und ich frage mich, ob die Tendenz zur physischen Gewalttätigkeit, zur Kriminalität, zur sexuellen Freizügigkeit nicht ein fatales Zerren an den Fesseln ist.

Wir wissen nur zu gut, dass alles als machbar Erdenkliche auch gemacht wird.

Dass technische Utopien und wissenschaftliche Visionen wieder Konjunktur hätten, möchte ich bezweifeln. Es hat sich, wenn auch sehr langsam, herumgesprochen, es gäbe keine Neuerung ohne ihre fragwürdige Kehrseite. Nur lässt sich diese erst erkennen, wenn es zu spät ist. Und jede mögliche Korrektur eines Unheils impliziert ein diesem System immanentes neues Unheil.

Wer ungeduldig in die Zukunft strebt, befindet sich auf der Flucht vor einer Gegenwart, die im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassen ist. Aber jegliche Heilung durch ein Herbeibeten des Morgen bleibt Illusion, weil wir zwar die verbindliche, uns bindende Struktur verfeinern, aber nicht mehr beseitigen können - und ihr Zusammenbruch wäre bloß ein beschleunigtes Ende der Zivilisation. Wir sind zur Gänze aufgeklärt, wir wissen nahezu alles über uns, wir sind befähigt, unsere Situation zu reflektieren, wir können uns mehr und mehr die Phänomene unseres und anderer Planeten erklären - wir erleben tatsächlich so etwas wie einen säkularen Sündenfall, denn wir sind nicht imstande, das von uns selber über uns verhängte Schicksal aufzuheben. Wir wollten wie Gott sein und haben nicht bedacht, dass sich jede Schöpfung verselbstständigt und irgendwann einmal ihren Schöpfer ignoriert. Ach, übrigens: Die Sintflut hat schon begonnen.

Der Schriftsteller Günter Kunert lebt in Kaisborstel. Zuletzt erschien von ihm bei dtv "Erwachsenenspiele. Erinnerungen."