Ohnehin wird im großen Stil kreuz und quer verschoben. Achtzig Prozent des deutschen Tiermehls, heißt es, seien in den vergangenen Jahren nach Polen gegangen. Großbritannien wiederum exportierte sein riskantes Mehl munter weiter, als die Verfütterung im eigenen Land längst verboten war. Noch verschlungenere Pfade geht das Fett aus der Tierkörperbeseitigung. Eines der größten europäischen Rendering-Unternehmen, die Saria Bio-Industries, teilt dazu lapidar mit, rund 80 Prozent gelangten derzeit "in die verschiedensten industriellen Anwendungen". Das schließt theoretisch sogar die Herstellung von Margarine oder Fertignahrung ein.

Über Nacht wurde ein begehrtes Produkt zum Sondermüll

Ob sich der mysteriöse Erreger des Rinderwahns auch über das Tierfett verbreitet hat, ist bislang unklar. Die bayerischen BSE-Fälle werfen diese Frage jedenfalls auf. Nicht jedem Allgäuer Landwirt war bis dahin bewusst, dass das Milchfutter zur Aufzucht seiner Kälber mit zehn Prozent und mehr Kadaverfett angereichert wurde. Ohne das, erklärte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner ohne Not, aber in Eile, würden die Kälber reihenweise tot umfallen.

Überall wird nun hastig mit Zahlen jongliert. 640 000 Tonnen Tiermehl und 280 000 Tonnen Tierfett kommen in Deutschland jährlich zusammen. Wenn man die nicht mehr verfüttern oder verkaufen könne, rechnet Manfred Brunner vom Verband der Fleischmehlindustrie vor, entstünden Verdienstausfälle und Kosten von rund 600 Millionen Mark. Außerdem müssten vermehrt Soja und Fischmehl importiert werden

Meere würden leer gefischt und Regenwälder gerodet, wenn es bei dem totalen Fütterungsverbot bliebe.

Ein Produkt, das eben noch bares Geld brachte, hat sich über Nacht in Sonderabfall verwandelt. Da halten viele erst einmal die Hand auf: Zehn Pfennig gab es bisher für ein Kilo Schlachtabfall, berichtet ein Metzger

jetzt werden 40 Pfennig für die Entsorgung verlangt. Von allen Seiten kommen Vorschläge. Ein Lindauer Unternehmen will Tiermehl bei der Klärschlammreinigung einsetzen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt lässt untersuchen, ob man Tierfette zu Kühlschmiermitteln verarbeiten könnte. Saria Bio-Industries will vom kommenden Jahr an im mecklenburgischen Malchin Biodiesel aus Tierfett produzieren. Außerdem teilt das Unternehmen mit, dass in größerem Umfang ehemalige Getreide- und Futtermittelläger angemietet würden, um das anfallende Tiermehl zwischenzulagern. Müllverbrennungsanlagen im ganzen Land haben sich gemeldet, Energieunternehmen und die Zementindustrie. Landwirtschaftsminister Funke forderte sie bei einem Treffen in Berlin bereits auf, nun solle "jeder, der heizen kann, Tiermehl verfeuern".