Immer wenn das Jahr zur Neige geht, riskieren Sachverständigenrat (SVR), OECD und Forschungsinstitute einen Blick auf die Konjunktur der bevorstehenden zwölf Monate. Diesmal prognostizierten sie zwar eine leichte Abschwächung des Wirtschaftswachstums

mit zwei Prozent liegt die Vorhersage gleichwohl über dem Trend. Die Verbraucherpreise bleiben stabil, die Arbeitslosenrate in Westdeutschland dürfte Ende 2001 unter sechs Prozent fallen. Publikum und Regierung vernahmen die Kunde gern, zumal die Dezimalstellen der Prognosen ebenso wie die ungewöhnliche Übereinstimmung der Prognostiker Sicherheit suggerieren - leider zu Unrecht.

Übereinstimmung der Prognosen war bislang kein Indiz für Treffsicherheit. Das gilt für Jahre der Rezession wie für so genannte Normalzeiten. Auch die hohe Zahl beteiligter Ökonomen garantiert keine Verlässlichkeit - genauso wenig wie die Präzisierung auf zwei Stellen hinter dem Komma. Je punktgenauer die Prognose, desto eher wird sie verfehlt. Generell sind Wachstumsprognosen mit einem Fehler von einem Prozentpunkt behaftet, für die Inflationsprognose beträgt er einen halben Prozentpunkt. Die Wachstumsrate für 2001 kann also ebenso bei drei wie bei einem Prozent liegen.

Die Konjunkturprognostiker neigen zum Optimismus: Bislang pflegten sie das Wachstum (leicht) zu überschätzen. Für 1982 sagten Gemeinschaftsdiagnose, SVR und OECD im Herbst 1981 eine deutliche Erholung vorher, tatsächlich kam es zu einem weiteren deutlichen Schrumpfen (und zum Regierungswechsel). Die Rezession 1993 wurde erst erkannt, als das Land schon mittendrin steckte.

Zu ihrer Rechtfertigung verweisen die Ökonomen darauf, dass Konjunkturprognosen "bedingte Prognosen" sind, dass also die "Bedingungen" (wie Importpreise oder Wechselkurse) schwer vorhersehbar sind - was die Treffsicherheit beeinträchtigt. Sieht man von den beiden Ölpreisschocks ab, trägt das Argument aber nicht weit: Bei Wachstum oder Inflation beruht üblicherweise nicht mehr als ein Drittel der Prognosefehler auf falschen Annahmen.

Wichtiger ist die zweite Fehlerquelle: die Unsicherheit bei der Prognose des Verhaltens von Konsumenten, Investoren oder des Staates. Seit 20 Jahren wird der private Verbrauch mit einem Fehler von einem Prozentpunkt prognostiziert, was sich beim Bruttosozialprodukt mit mehr als 0,3 Prozentpunkten niederschlägt. Das lässt zwar die Ökonomen nicht im besten Licht erscheinen, überrascht aber wenig: Die Hälfte der Bundesbürger, die sich in einem bestimmten Jahr ein Auto kaufen, hat davon am Jahresanfang keine Ahnung.

In den vergangenen 35 Jahren hat sich an der Treffsicherheit trotz vielfältiger statistischer und methodischer Verbesserungen, deutlich gestiegenen Aufwands und erheblich stärkerer Konkurrenz in der Prognostikerzunft wenig geändert. Zwar haben sich die absoluten Fehler bei den Wachstumsprognosen verringert, dies aber nur deshalb, weil sich der Wachstumstrend fast halbierte. Die relativen Fehler sind mehr oder weniger gleich geblieben.