Ich rede nicht von Liebe, Emily, es muß doch nicht immer gleich alles Liebe sein." Liebe ist es nie bei Julia Franck. Es ist Sex, bestenfalls Begehren und schlimmstenfalls Zerstreuung. Und zugrunde liegt ein ganzes Bündel unschöner Impulse: Machtinstinkt, Ressentiment, Rache, Rivalität. Eine junge Frau ("Ich") hat mit dem Freund ihrer Freundin ("Emily") geschlafen. Am Morgen danach steht die Betrogene vor der Tür und verlangt nach Trost.

Selbstverständlich weiß Emily nicht, wer ihre Nebenbuhlerin ist. Die Ich-Erzählerin dieser Geschichte mit dem flotten Titel Mir nichts, dir nichts ist die archetypische Figur der bösen und sexuell aktiven Frau aus den Trivialromanen, die dort immer als dramaturgisch notwendige Gegenspielerin des sanften und liebenden Mädchens auftritt.

Zwei Frauen, ein Mann: unsterbliche, altbekannte und immer noch ergiebige dramatische Konstellation. Wenn es eine Boulevardkomödie wäre, könnte man nun fröhlich die Schranktüren auf- und zuklappen und noch den Pizzaboten ins Spiel bringen. Wäre es eine moderne Tragödie, würde eine der Figuren die Trennung wagen oder zum Opfer werden, und Natur und Ursache von Verrat und Begierde würden dialogisch ausgelotet. Julia Francks sachliche Prosa folgt der Regel, dass böse Mädchen überall hinkommen, während die braven mit dem "Sie kriegen sich"-Kuss uninteressant werden

deshalb sind die Hauptrollen ihrer kleinen Beziehungsgeschichten nicht für die Emilys dieser Welt geschrieben, sondern aus der Perspektive von Aschenputtels Schwestern - oder des "falschen Nönnleins", das den Königskindern das Lichtlein auslöscht, sodass sie nie mehr zueinander kommen können.

Die Idee ist gut. Und die dunkle Perspektive interessant genug, um in weitaus komplexeren Erzählungen - Liebesgeschichten ex negativo - Verwendung zu finden. Aber die Geschichten von Emilys böser bester Freundin, von der kontaktgestörten Bademeisterin (Strandbad), von der voyeuristischen Nachbarin (Für Sie und Ihn), von der Frau mit dem geheimen Geliebten (Zugfahrt) und so weiter gehen über das gründliche Durchspielen dieser Perspektive nicht hinaus. Man folgt den Ich-Erzählerinnen wie der wackelnden Handkamera in einem Film der dänischen Dogma-Regisseure und sieht Paare vor, während und nach dem Sex. Frauen, die Handlungen ausführen und dabei beobachtet werden beziehungsweise sich selbst beobachten. Die eine heult, die andre lügt.

Es lässt einen ziemlich kalt, was die Leute miteinander anstellen. Es sind keine Dramen, die sich da abspielen, sondern kunstfertig gearbeitete, absichtsvoll dem faktischen verpflichtete Exerzitien, tauglich für das Label Geschichten zum Anfassen. So steht es tatsächlich im Untertitel. Womit wohl angedeutet werden soll, dass hier haptische Reize und Wahrnehmungen weitgehend verlustfrei in Literatur eingegangen seien. "Ich umschließe ihn fest, lasse locker und nehme ihn tiefer, dann spüre ich seinen Mund am Haaransatz hinter meinem Ohr, noch immer steht er hinter mir." Das klingt nun eher protokollarisch als erotisch

aber es ist zumindest wahr, dass sich die Wahrnehmung streng an Körpergrenzen hält: Mit Haut und Haaren, Schleimhaut inklusive, ist die maximale Tiefe erreicht.