In wilhelminischen Zeiten verstand man unter "realistischen" Erzählungen, wie sie damals gerne in Zeitungen abgedruckt wurden, solche, in denen irgendwie Sex vorkam. Sogar eine Hedwig Courths-Mahler schrieb solche Sachen, unter Pseudonym, und sie waren tatsächlich sehr viel realistischer als das, was die Großmutter des Kitsches sonst so verzapfte. Der haptische Realismus der Julia Franck funktioniert in ähnlicher Weise: Eine konstruierte und blasse Dreiecksgeschichte gewinnt durch organische Detailtreue sehr an authentischem Gewicht. Da sind das Luder und die Jungfrau, also die dunkle und die helle Frau, dazwischen der prinzipiell verführbare Mann. Und der ist - aus der Sicht des Luders - der Märchenprinz der anderen, dessen Demaskierung programmatisch vorgesehen ist.

Auch wenn dieses Strickmuster im Lauf des Buches durchaus überraschende Variationen bereithält und das Dreieck auch mal zwischen zwei Männern und einer Frau aufgespannt wird: Im Prinzip erzählen die Texte in diesem Band - mit zwei Ausnahmen - immer dieselbe Geschichte. Es ist die Geschichte von der erotischen Faszination an der nicht fassbaren Liebe der anderen. Und es ist schade, dass sie meistens so klingt, als ginge es um nichts.

Julia Franck: Bauchlandung

Geschichten zum Anfassen

DuMont Verlag, Köln 2000

111 S., 29,80 DM