Der Winter war mild. Der April 2000 begann nasskalt, aber ohne Spätfröste. Um die Mitte des Monats entschied der Baum, dass der richtige Zeitpunkt für den Laubaustrieb gekommen sei. Der einsetzende Saftstrom ließ die Knospen anschwellen. In den ersten frühsommerlichen Tagen um Ostern, zeitiger als sonst, spross das frische Grün. Noch gekräuselt, ganz zart und gelbgrün entrollten sich die Blätter, um ihr erstes Sonnenlicht aufzufangen.

Fast gleichzeitig hatte sich die Eiche über und über mit Kätzchen behängt, ließ sie ein paar Tage lang im Frühlingswind tanzen und ihre Pollen ausstreuen. Beinahe über Nacht verwandelte sich das winterkahle Skelett in einen blühenden und grünenden Baum.

Nichts Besonderes, eigentlich. Jede Pflanze birgt eine innere Uhr und vollzieht nach dem Sonnenjahreslauf den Übergang von der Winterruhe zur Vegetationszeit. Nur: Die "Femeiche" in dem münsterländischen Dorf Erle hat ihren Jahreszyklus vermutlich schon tausendmal vollendet und neu begonnen.

Quercus robur, Stieleiche. Ihr Standort: sandiger, stauwasserhaltiger Geschiebelehm über einer Grundmoräne - von der Eiszeit hinterlassener optimaler Eichenboden. Das Umfeld: eine Weißdornhecke und eine Anlage aus jungen Hainbuchen, Ahorn und Holunder. Nebenan der Kindergarten und das katholische Pfarrheim, eine Eigenheimsiedlung. Erle mit seinen 3200 Seelen gehört zur Gemeinde Raesfeld, liegt im Quellgebiet der Ijssel, im westlichen Winkel des Münsterlands. Ein modernes, wohlhabendes Dorf. Die Femeiche ist sein behütetes und sorgsam gepflegtes Naturdenkmal und Wahrzeichen.

Das Alter schätzen Dendrologen auf 1000 bis 1200 Jahre. Manche Heimatforscher gehen noch weiter. Wie dem auch sei: Es gibt nicht viele Lebewesen auf deutschem Boden - auf dem blauen Planeten überhaupt - von denen man mit einiger Sicherheit sagen kann, sie haben in drei Millennien gelebt und überlebt. Von der Eiche wird es man es am Neujahrstag 2001 behaupten können ...

Hierzulande gehören ein paar Dutzend Linden, Eiben und Eichen in diese Klasse. Am Mittelmeer stehen Olivenbäume, die weit über 1000 Jahre alt sind und noch immer Früchte tragen. Die "Pilatus-Eibe" im schottischen Highland-Dorf Fortingall, wo der Legende nach im Jahr 10 v. Chr. Pontius Pilatus geboren wurde, schätzt man gar auf 3000 bis 8000 Jahre. Die Sequoias, die Mammutbäume Kaliforniens, wachsen seit 3000 Jahren in den Himmel.

Die Femeiche ist nur noch ein Torso. Vom ursprünglichen Kernholz ist so gut wie nichts mehr vorhanden. Im Inneren ist sie schon seit langem vollständig hohl. Der Schaft besteht heute aus zwei auseinander klaffenden Bruchstücken, die nur durch einen schmalen Grat verwachsen sind. Verstrebungen aus eisernen Stangen und Stahlgürteln verklammern die Stammteile. Zusammen bilden sie ein zehn Meter hohes, schräg stehendes Gerippe aus 15 bis 20 Zentimeter dicker Borke und größtenteils abgestorbenem Holz.