Krisen bergen Chancen. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat nicht nur den weltweiten Siegeszug der Nuklearindustrie gebremst. Sie veranlasste den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl auch, in Deutschland ein Umweltministerium zu schaffen. Nicht, dass es seitdem um den Umweltschutz zum Besten bestellt wäre

aber immerhin hat die stumme Natur seitdem eine Stimme am Kabinettstisch.

Der BSE-Skandal ist das Tschernobyl der Landwirtschaft. Die Bruderschaft von Agrarfunktionären, Agrarbürokraten und Agrarindustriellen hat das Vorsorgeprinzip sträflich missachtet. Ignoranz und Sorglosigkeit machten aus Lebensmitteln am Ende Mittel zum Sterben. Letztlich zum eigenen Schaden der Agrarier, vor allem aber zum Schaden der grenzenlos verachteten Verbraucher.

Das Unerhörte schreit nach personellen Konsequenzen. Wichtiger jedoch als der Austausch von Ministern ist es, die politische Verantwortlichkeit neu zu ordnen: Nachdem sogar im viel gescholtenen Brüssel ein EU-Verbraucherkommissar wacht, muss endlich auch in Berlin der Verbraucherschutz gestärkt werden.

Verbraucherinteressen gehören zu den allgemeinsten in der Gesellschaft.

Dennoch werden sie von der Politik oft genug ignoriert. Ob es um Zölle oder Quoten, Bananen oder Rindfleisch geht: Meist siegen die Interessen der Produzenten - von wegen Gemeinwohl - über die der Konsumenten. Dafür gibt es Gründe. Erstens verlassen sich die Verbraucher gern auf die vielen anderen

die Masse schweigt. Zweitens wäre jeder überfordert, wollte er sich zum Fachmann für die vielen tausend Produkte fortbilden, mit denen er sich umgibt. Und drittens fehlt den Verbrauchern das erforderliche Drohpotenzial, um ihre Anliegen durchsetzen zu können. Boykottversuche enden in der Regel kläglich.