In literarischen Fragen bin ich ein Feinspitz. "Feinspitz" ist Österreichisch und meint einen Menschen von besonders sublimem Geschmack. Lese ich zum Beispiel den fragenden Satz: "Hast du das Ladekabel fürs Handy?", dann lasse ich den Verfasser gern wissen, er soll nicht aufs Ladekabel warten. Er kann ja auch übers Festnetz telefonieren, wichtig ist nur, dass er ein paar Jahre den Schreibtisch meidet.

Die Probleme mit dem Handy stehen in einem Buch, das ich mit großem Interesse gelesen habe: Im Kreise seiner Lieben. Vätergeschichten, herausgegeben von Thomas Tebbe, erschienen im Piper Verlag. Thomas Tebbe hat das Buch wem gewidmet? Seinem Vater natürlich! Ich bewundere Menschen, bei denen Familiäres und Berufliches einen solchen Einklang finden können. Im Nachwort freut sich der Herausgeber über eine Geschichte Jean Rouauds. Da stirbt ein Vater, und "erleichtert nehmen wir zur Kenntnis", sagt uns Thomas Tebbe, "daß der Tote kein Opfer eines ödipalen Erzähleranschlags ist. Jean Rouauds Figur des Joseph rehabilitiert den literarischen Vater."

Ich glaube, da redet sich ein Herausgeber, der dem Vater eine ganze Anthologie widmet, leicht, auch wenn er hinzufügt, dass eine solche Rehabilitation "die Lust am literarischen schlechten Vater" nicht brechen kann. Klammheimlich stecken hinter solchen Formulierungen zwei Kardinalssfragen. Erstens: "Was ist Literatur?" Und zweitens: Was ist "der Vater"?

Rouauds Geschichte ist sehr schön

sie zeigt einen familiären Zusammenhang, der schwebend ist, leicht, also liebevoll. Der Tod des einen ist ein Einschnitt in der Biografie aller anderen. In der Todesstunde des Vaters waren sie für ihn und füreinander da - und das war für die Lebenden genauso selbstverständlich wie ihr Atmen.

Ein anderer Vater, der leibhaftig gar nicht vorkommt, weil man auf ihn für ein von der Mama vorbereitetes Muschelessen nur wartet, erscheint in einer Geschichte von Birgit Vanderbeke. Dieser Vater ist auch in seiner Abwesenheit von einer schwerwiegenden Präsenz, die den Rest der Familie hinunterzieht. So ein Vater will eine "richtige Familie", aber in Wirklichkeit, schreibt Vanderbeke, "waren wir keine richtige Familie, alles in dieser Familie drehte sich nur darum, daß wir so tun mußten, als ob wir eine richtige Familie wären, wie mein Vater sich eine Familie vorgestellt hat, weil er keine gehabt hat und also nicht wußte, was eine richtige Familie ist, wovon er jedoch die genauesten Vorstellungen entwickelt hatte, und die setzten wir um ..."

So ein Vater lässt es nicht an sich heran, dass er incertus sein könnte. Er sichert sich mit seinen Vorstellungen ab, indem er die Angehörigen dazu zwingt, sie für ihn umzusetzen. Das ist eine der wesentlichen Definitionen des "schlechten" Vaters: Er erlaubt kein Leben um sich herum, weil man seine Fiktionen zu realisieren hat. Diese sind aus Defiziten entstanden, um deren Kompensation es viel mehr geht als um "die richtige Familie", von der er keine Erfahrung, sondern nur Illusionen hat. Das ist kein Leben, sondern es sind Vorstellungen vom Leben, also Abstraktionen, die die Familie extra für ihn mit Leben füllen muss.