Antonio Vivaldis Konzerte sind das Kleingeld im Konzertbetrieb, die kleine Mahlzeit zwischendurch, frühe Produkte einer Häppchenkultur, kaum ein Satz ist länger als vier Minuten, Konsum ohne Kalorien, Genuss ohne Reue.

Hundertmal, so ein nicht ganz unberechtigter Vorbehalt, habe Vivaldi dasselbe Konzert geschrieben. Der Idee nach sei er ein Vorläufer der Minimal Music (gnadenlose Wiederholung einfachster Spielfiguren im gleichförmigsten Rhythmus), wer einen Takt kennt, kennt auch die nächsten acht. Und tatsächlich: Wer Vivaldis Violinkonzerte (220 an der Zahl) auf sich einprasseln lässt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie wie Barbie-Puppen im Arsenal der Kunstmusik erscheinen: uniform und inwendig hohl, idealtypisch hübsch und industriell seelenlos zugleich. Ganz so schlimm ist es aber nicht, immerhin hat J. S. Bach zehn der Konzerte abgeschrieben und zum eigenen Gebrauch auf die Orgel übertragen und mancherlei dabei gelernt. Und die Vier Jahreszeiten gehen ja noch immer aus jeder Anverwandlung frisch und unschuldig hervor.

Eine Reihe charaktervoller Konzerte ist noch wenig verbreitet. Der Geiger Giuliano Carmignola, begleitet von den Sonatori de la Gioiosa Marca, hat fünf zu Le Humane Passioni (Divox CDX 79406), zu einem Zyklus über die "menschlichen Leidenschaften", versammelt. Die Titel sind Vivaldi original, die Anordnung ist es nicht. Die Abfolge der Konzerte Der Favorit, Der Verdacht, Die Unruhe, Der Liebhaber und Das Vergnügen suggeriert die einfache Geschichte eines liebenden Herzens, das zwischen Zweifel und Angst zu Erfüllung und Happy End gelangt. Warum nicht. Die Musik lässt der Fantasie Spielraum für mancherlei Nuancen und pikante Details.

Carmignola meidet das nur geisttötend Virtuose - er sucht nach Tonfällen, nach der Erzählung hinter den Noten. Er spielt nach dem redenden Prinzip, unterstreicht die bedeutungsvollen Worte und spürt ihrem Ausdrucksgehalt nach. Leidenschaft hat er ohnehin genug, um sein Anliegen glaubhaft zu machen und seine Hörer zu fesseln. Die Sonatori folgen ihm wissend in konzertierender Wechsel- und Gegenrede. Der geschickte Einsatz von Laute und Cembalo fügt dem Continuo-Part Bedeutung hinzu und schattiert die Affekte.

Solcherart Interpretation belebt auch totgesagte Musik und vermittelt eine Ahnung, wodurch Vivaldi sein Publikum seinerzeit in Atem hielt.