"Frankreich schuf sich frei ... und wir?", fragt Klopstock 1789 in seinem berühmten Gedicht Kennet euch selbst zum Auftakt der Französischen Revolution. Ja, warum sie - und nicht wir? Warum nur blieb der Deutsche so gern Untertan? Gibt es, könnte man heute fragen, vielleicht so etwas wie ein Devotheits-, Servilitäts-, ein deutsches Stiefelküsser-Gen? Nicht auszuschließen.

Andererseits: Da war, lange vor dem Schicksalsjahr 1849, als Preußens Militär die späte deutsche Revolution niederschlug und das düstere deutsche Jahrhundert begann, das erst am 8. Mai 1945 (wenigstens im Westteil des Landes) endgültig zu Ende ging ... da war auch noch eine andere deutsche Geschichte. Eine deutsche Geschichte der Freiheit und der Demokratie. Walter Grab hat sie erforscht, hat ihr seine Arbeit und mindestens eines seiner vier Leben gewidmet (Meine vier Leben lautet der Titel von Grabs Autobiografie, die 1999 im Kölner Papyrossa Verlag erschien).

Geboren 1919 in Wien, musste er nach der deutsch-österreichischen Wiedervereinigung 1938 fliehen und ging nach Palästina. 1962 zog er nach Hamburg und promovierte bei Fritz Fischer mit einer glänzenden Arbeit über die Demokratischen Strömungen in Hamburg und Schleswig-Holstein zur Zeit der Ersten Französischen Republik. Zurückgekehrt nach Tel Aviv, baute er an der dortigen Universität seit 1970 das Institut für deutsche Geschichte auf.

Immer wieder fragte Grab in seinen Büchern und zahlreichen Aufsätzen nach Deutschlands ersten Demokraten, nach den deutschen "Jakobinern" aller Couleur, bis hin zu dem Achtundvierziger Dr. Wilhelm Schulz aus Darmstadt (einem Gefährten Georg Büchners), dem er eine umfassende Biografie widmete.

Es zeigte sich, wie viel von ihrem Leben und Schreiben, ihren Ideen, ihrem Engagement während des düsteren deutschen Jahrhunderts zwischen 1849 und 1945 verloren gegangen war: verdrängt, vernichtet, ausgelöscht. Forster, Rebmann, Georg Kerner, Würzer, Schütz, Albrecht - viele dieser Namen mussten erst wieder ganz neu bekannt gemacht werden.

In seinem spannend erzählten Buch Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern zieht er 1984 in einer Reihe von Porträts und Einzelstudien die Summe seiner Arbeit. Es sagt alles über unsere pausbäckige, hohlbirnige "Berliner Republik", dass dieses Werk, das in jeden Bücherschrank gehört, heute nicht mehr lieferbar ist. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Walter Grab, der große Forscher und Gelehrte, am 17. Dezember in Tel Aviv.