Wir brauchen diese definierte Grenze vom Fötus zum Menschen, um nicht dauerhaft bigott neben der Praxis zu liegen. Wie sich das Recht der Frau auf Abtreibung gegen unmenschliche Widerstände durchgesetzt hat, wird sich auch diese Definition durchsetzen. Nicht aufgrund erkenntnistheoretischer Beweisführungen, hier konkurrieren kaum objektivierbare Glaubensfragen miteinander, sondern aufgrund eines dringend notwendigen Pragmatismus. Eltern werden fähig sein, das Geschlecht ihres Kindes vorherbestimmen zu lassen.

Warum nicht? Und wenn sie ihrem Nachwuchs dazu noch eine bestimmte Haar- und Augenfarbe zuweisen - wäre deshalb schon von Züchtung zu reden? Nur ein Staat könnte Richtlinien einer Züchtung verordnen. Ein undemokratischer Staat. Aber der könnte sowieso viel Böses tun. Wie auch immer: Eltern werden de facto eine stark ausgeweitete Bestimmungsgewalt über das Erscheinungsbild ihres zukünftigen Sprösslings besitzen. Man kann das kurzfristig legislativ unterdrücken, auf Dauer keinesfalls.

Der Mensch ist ein unperfektes Wesen, wenigstens wird er das, solange er sterblich ist, immer von sich glauben. Mir wäre eine Menschheit, die nicht zum Ziel hätte, Gott zu werden, unheimlich und langweilig. Das Modell des nietzscheanischen Übermenschen, anders gesagt: des verbesserten Modells vom Menschen ist im Spiegel der Evolution nur ein Archetypus. Man mag über den Sinn einer solch manischen Teleologiesucht streiten, aus der Welt zu schaffen ist sie nicht. Ob das Modell Mensch eher pädagogisch zu verbessern sei oder gentechnisch, ist aufgrund der Gegebenheiten eine Frage akademischer Natur.

Es wird in der Gentechnologie Rückschläge geben, Unfälle wie Missbrauch. Die Gefahren minimieren kann aber nur der, der das Schiff begleitet. Vorn am Kiel sieht man besser als im Bugwasser. Die Möglichkeiten sind vorhanden. Alles, was denkbar ist, geht in einem unaufhaltsamen Prozess ins Machbare über. Sich dagegen aufzulehnen wäre weltfremder, ja reaktionärer Idealismus, dem einfach das wichtigste Argument, der Gegenentwurf zur finalen Beleidigung der Existenz durch den Tod, fehlt.

Ernst zu nehmende Prognosen lauten dahingehend, dass etwa um das Jahr 2070 herum der erste Mensch geboren werden wird, der nicht mehr zwangsläufig sterben muss. Wie spannend wird das werden: der beinahe unsterbliche, nur durch einen Unfall auszulöschende Mensch. Jede Poetik, jede Philosophie, jede Form ästhetischer Lebenshilfe wird umgeschrieben werden müssen. Allerhand zu tun. Mag sein, dass der Mensch einmal an sich selbst zugrunde geht. Aber er geht. Immer weiter. Zugrunde sitzen wird er sich nie.

Der Schriftsteller Helmut Krausser lebt in der Nähe von München. Im März erscheint bei Rowohlt seine "Schmerznovelle"