Genie und Wahnsinn stellen ein angestaubtes, jedoch nach wie vor respektiertes Pärchen dar, welches die Seelen so komplizierter wie kreativer Künstlernaturen behaust und beunruhigt. Im Glücksfall wird die Existenz entsprechender Genies von einer Frau umpolstert, die die Rolle des gesunden Menschenverstandes und die Aufgabe der Realitätsbewältigung übernimmt und auf diese Weise hilft, den Wahnsinn auf das Format umgangsfähiger Alltagsverrücktheiten zu begrenzen, ohne die Genialität zu erwürgen.

In seinem neuen Roman Der Geliebte der Mutter stellt Urs Widmer die Rollenverhältnisse auf den Kopf. Er, der Künstler Edwin, ist genial. Sie, seine flüchtige Geliebte, wird an ihm wahnsinnig. Er vereinigt in seiner Person reibungslos das Streben eines avantgardistischen Dirigenten mit den Interessen eines aalglatten Kapitalisten. Sie bringt sich aus närrischer Leidenschaft um den Verstand und alles andere. Diesen Verstoß gegen die dramaturgische Konvention hat der Roman auch dringend nötig, um die Süßlichkeit des sentimentalen Frauenschicksals abzuwehren, das in der Geschichte steckt. Ihr trauriges Ende liegt von Anfang an zum Greifen nahe.

Es ist die katastrophale Geschichte einer ewigen Tochter, beginnend im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in der Schweiz, beginnend mit einem bürgerlichen, wohlhabenden Vater, der das Kind Clara als Gefängnisinsassin behandelt und zum Jogurtaufessen zwingt, während er sich ein Steak gönnt. Der strafende wird abgelöst von einem idealen Gott, jenem Edwin, dem Clara als junge Frau sofort verfällt, als sie zum ersten Mal eines seiner Konzerte besucht. Edwin ist in dieser Zeit, den zwanziger Jahren, dabei, die revolutionäre atonale Musik zu erschaffen. Geld besitzt er da noch keines, aber die Gabe der suggestiven Verführung, die jenes ersetzt, da sie verliebte Frauen wie Clara dazu bringt, sich die Schöpfung des Meisters auf die Schultern zu laden und als Mädchen für alles zur Verfügung zu stehen

für die Verteilung der Notenblätter bei den Orchesterproben, für die Planung der Tourneen, für die Werbung und, wenn Edwin danach ist, auch für seine herrischen Wünsche im Intimen. So lange, bis Edwin künstlerisch und durch Einheirat gesellschaftlich ganz oben und ihm auf dem Gipfel von Ruhm und Reichtum nach der ganzen Clara nicht mehr ist.

Für sie, die Infizierte, gibt es keine Heilung mehr. Edwin ist ihre Krankheit und die Medizin, nach der sie sich verzehrt, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt ihres Lebens, dem sie schließlich selbst ein Ende setzt.

Kurversuche wie die Heirat eines anderen Mannes, die Geburt eines Kindes und Reisen zur italienischen Verwandtschaft, schlagen nicht an.

Es gelingt Urs Widmer, die Komik der einseitigen Obsession spürbar zu machen, ohne sie zu denunzieren. Es gelingt ihm auch zu zeigen, dass die einzige Freiheit, die Clara sich je herausnimmt, in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Normalmaß der Gefühle und ihrer Kapitulation vor der fixen Idee besteht, die sie beherrscht. Erst kann, dann will sie Edwin nicht mehr vergessen. Erst kann sie keine Frau und Mutter sein, die ihre Liebe einem anderen Geschöpf zuwendet. Dann will sie es auch nicht mehr und schleppt den Sohn in der Abenddämmerung ins Wasser des Sees, an dessen Ufer Edwin wohnt, und murmelt somnambul seinen Namen, während das Kleinkind zu ihren Füßen gegen das Ertrinken strampelt.