Vor Jahren las ich auf der Wissenschaftsseite der Neuen Zürcher Zeitung, dass Frauen ein drei Mal höheres Brustkrebsrisiko zu gewärtigen hätten, wenn sie jeden Tag Joghurt äßen. Das war eine dieser klein gedruckten Meldungen.

Rechts unten.

Jedes Mal. Seit damals. Wenn ich Joghurt esse, fällt mir diese Meldung ein.

Jedes Mal versuche ich, diese Statistik auf mein Leben zu beziehen. Natürlich geht das nicht. Und selbstverständlich schon gar nicht. Denn.

Selbstverständlich kann ich diese Meldung nicht auf mein Leben beziehen. Die Sprache dieser Meldung sieht eine solche Lesart gar nicht vor. Aber natürlich übt diese Meldung Wirkung auf mein Leben aus. Unsicherheit. Dem Joghurt gegenüber. Ängstlichkeit. Und deren Verdrängung. Was soll's. Joghurt ist gesund. Oder? Die kleine medizinwissenschaftliche Meldung hat dann gerade in ihrer Irrelevanz für mich ihre Wirkung auf mich entfaltet. In der kühlen Unangreifbarkeit der wissenschaftlichen Daten ist dieses Spiel mit Gefühlen immer einbegriffen. Konstruiert sich aus den Gefühlen der Autoren dieser Meldung. Meine Angst ist gemeint. Angst ist immer Todesangst. Die letzten Dinge. Die Basis bilden immer die letzten Dinge. Die Vorstellung von dieser Ausgeliefertheit an die letzten Dinge. Das sind immer Melancholiekonzepte.

Und kein Bewusstsein davon.

Dieses Spiel ist grundlegender Bestandteil. Vorausetzung für den Verkaufswert von Wissenschaft. Dass diese Meldung in der Neuen Zürcher abgedruckt worden war, wird von den Verfassern der zitierten Studie in ihrem Antrag für die Finanzierung der nächsten Studie ganz sicher vermerkt. Man hatte Resonanz. In der Presse. Und damit Relevanz. Das können die Geldgeber verstehen. Und gleichzeitig ist in diesem Nicht-Beziehen-Können der Information der Lernprozess enthalten, dass diese Information nicht bezogen werden kann. Aber genau darin und deswegen bedeutend. Bedeutung stiftend.