Rosa kann viel stärker aufregen als andere Farben.Zu Schwarz oder Weiß kann man nicht viel sagen.Rosa ist dazwischen.Es hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt

Am Neujahrstag 1989 war ich mit meiner Frau und meinem damals zehnjährigen Sohn in Portugal. Wir sind hinauf in die Berge gefahren und ein bisschen herumspaziert. Wir gehen durch ein Dorf, kommen an einem Garten vorbei - da steht auf einer saftigen grünen Wiese ein rosarotes Schwein. Das sieht aus wie frisch geputzt, ganz sauber. Wie die Vorlage für die Marzipanschweinchen, mit denen sich die Portugiesen am Neujahrstag beschenken. Dieses Bild von der sattgrünen Wiese und dem rosa Schwein verlässt mich seit Jahren nicht mehr.

Ein Traum!

Neulich habe ich bei meinem Umzug einen alten rosa Pullover wiederentdeckt.

Er hat nicht dieses ordinäre Rosa, auch kein Telekom-Rosa, sondern ein mittleres, eher helles, genau mein Lieblingsrosa, das ich immer im Kopf habe.

Obwohl ich sonst fast nur schwarze Pullover anziehe, habe ich diesen Pullover gekauft. Fürs Golfspielen. In der Öffentlichkeit habe ich mich selten getraut, ihn zu tragen. Umgekehrt habe ich noch nie in einem dunklen Pullover Golf gespielt. Ich finde, Rosa entspannt. Rosa ist eine Farbe, die weicht die harten Konturen auf, sie zwingt zu nichts. Da kann man sich gehen lassen und hat trotzdem das Gefühl, eingebunden zu sein.

Das Rosa, das ich im Kopf habe, taucht manchmal in den Bildern des Malers Tom Wesselmann auf oder auch bei Jeff Koons. Beide charakterisieren damit Haut und Körperlichkeit. Auch in meinem Programm gibt es Künstler, die viel mit dieser Farbe zu tun haben. Cornelia Schleime etwa oder Norbert Bisky, zwei junge, sehr begabte Maler. Sie verarbeiten Rosa nicht als grelles Pop-Art-Signal, sondern als Mittel zum Spiel mit der eigenen Wahrheit.

Cornelia Schleime wollte sogar, dass ihr Katalog rosa eingebunden wird. Auf den ersten Blick ist sie eine eher herbe, strenge Persönlichkeit, die manche Leute abschreckt. Aber wenn man mit ihr redet, dann bröckelt diese harte Schale, und es zeigt sich ein sehr zartes Wesen. Vielleicht wollte die Künstlerin die herbe Figur, diesen Teil von sich zerbröckeln lassen und ihre andere, zarte Seite dokumentieren. Ich denke, jeder Mensch hat den Wunsch, etwas von sich preiszugeben, jeder hat eine exhibitionistische Ader. Die inneren Brüche zeigen sich auch in Cornelia Schleimes Bildern.

Rosa kann viel stärker aufregen als andere Farben.Zu Schwarz oder Weiß kann man nicht viel sagen.Rosa ist dazwischen.Es hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt

Zum Beispiel das Vanillemädchen, das ist ein ganz typisches Porträt. Ein bildschönes Gesicht, das an die zwanziger Jahre erinnert, mit einer Schleife auf dem Kopf - und der gesamte Hintergrund ist rosa. Das Bild mutet auf den ersten Blick traumhaft an, fast idyllisch erst auf den zweiten sieht man, dass Cornelia Schleime etwas kaputtmacht, zerstört. Rosa kann entlarven, aber auch befreien - man muss sich nur darauf einlassen.

Rosa wurde natürlich in der Kunst schon früher gemalt. Sandro Botticelli stellte um 1485 die Geburt der Venus dar auf dem Gemälde dominiert Rosa. In der Architektur taucht es auf: Ich sehe die Schlösser von Versailles vor mir oder das Neuschwanstein Ludwigs II., verspielt, leicht, zugleich ein wenig oberflächlich. Picasso hatte neben der Blauen eine Rosa Periode. Um 1905 entstanden zum Beispiel seine Zirkusbilder, berühmt ist Der Gaukler. Aber erst durch Pop-Art-Klassiker wie Andy Warhol wurde Rosa richtig populär - und moderne Kunst interessiert mich auch mehr.

Auch heute bauen wieder viele Künstler rosa Bilderwelten auf: Helge Leiberg, Alex Katz, Luciano Castelli. Bei Tom Wesselmann ist immer die weibliche Brust rosa, bei Katz das Gesicht. Diese Maler wollen nicht schocken, sie wollen überhaupt Emotionen auslösen. Das kann für jeden Betrachter ein anderes Gefühl sein, denn Rosa ist wie ein Spiegel. Rosa polarisiert. Der eine Betrachter grenzt sich ab: So ein Mist!, während ein anderer bei dem gleichen Bild etwas ganz Neues an sich entdeckt. Die Farbe kann Gefühle wecken, von denen man weiß, dass sie da sind, mit denen man aber eigentlich nicht konfrontiert werden will.

Wer sich nicht darauf einlässt, den macht Rosa aggressiv. Dann wirkt die Farbe eng, bedrückend, auch provozierend. Aber die Provokation funktioniert hintenherum. Zunächst denkt man beim Betrachten eines Bildes: Wie hübsch oder Wie süß. Dabei öffnet Rosa innendrin ein Türchen - und plötzlich scheint hervor, was viele gar nicht kannten. Rosa kann viel stärker aufregen als andere Farben. Zu Schwarz oder Weiß kann man nicht viel sagen. Rosa ist dazwischen, es hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Deshalb kann man sich mit dieser Farbe tagelang beschäftigen.

Vielleicht malen heute so viele Künstler in Rosa, weil unsere narzisstische Zeit die Auseinandersetzung mit sich selbst fordert. In der Malerei ist Rosa nie Zeichen für die große politische Auseinandersetzung, sondern spiegelt den Kampf im Kleinen wider, die psychologischen Zwischenbereiche. Diese neuen Maler, von denen ich sprach, verwenden nicht nur Rosa, sondern generell verdünnte Ölfarben. Sie verwenden Farbe total anders als etwa Markus Lüpertz oder Jörg Immendorf mit ihren oft leuchtenden, geradlinigen Werken. Das ist aber nicht so sehr als Provokation gemeint. Es drückt zugleich Beschwingtheit aus, ein leichteres Lebensgefühl. Manchmal auch den Fluchtpunkt in eine andere Welt.

Man kann Rosa auch als das süße Blut sehen. Es wird ja durch Verdünnung verfeinert. Der süße Wein ist eher der hellere, der Roséwein. Die Leute, die das Leben geliebt und genossen haben, die hatten alle rosa Blut. Das verwässerte Blut fließt schneller durch die Venen, das Leben wird spritziger, witziger. Rosa ist das Gegenteil von Schwermut. In der DDR gab es früher dieses Softeis, reine Chemie, das wirkte schön, aber unwirklich schön. Das war manchmal türkis, meist aber rosa. Man sagte: Das ist so dumm, dass es schon wieder schön ist.

Vielleicht hängt meine Faszination für Rosa auch mit meiner Herkunft zusammen. Ich stamme aus Freudenstadt im Schwarzwald, das klingt schon so rosa. Früher, aus Kindersicht, hatte die Stadt riesige Dimensionen. Als ich nach 15 Jahren zurückkehrte, sah sie aus wie eine Puppenstube, so unwirklich, so eng.

Rosa kann viel stärker aufregen als andere Farben.Zu Schwarz oder Weiß kann man nicht viel sagen.Rosa ist dazwischen.Es hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt

Rosa kann abgleiten ins Unechte, Puppenhafte. Im Klischee ist es die Farbe, die Frauen in Puppen verwandelt und Männer in Transvestiten. Gerade für einen Mann ist sie ja tabu. Viele Männer haben mit der öffnenden, entlarvenden Wirkung von Rosa ein Problem. Mein Gefühl kreist oft um das Weibliche im Manne, und ich habe festgestellt, dass ich Sympathien habe für Männer, die sich als Frauen verkleiden. Nicht dass ich das selbst machen möchte. Immerhin habe ich über die Auseinandersetzung mit Künstlern und Bildern Dinge an mir entdeckt, die man mir auf den ersten Blick nicht zuordnen würde: dass ich eine Glucke sein kann, sehr mütterlich, beschützend dass ich weinen kann.

Ich nehme Bilder überhaupt nicht akademisch wahr. Ich frage nicht: Wo ist der Bruch, welche Struktur hat das Bild? Nein, ich sehe rein emotional: Sagt es mir was oder nicht? Es gibt ein rosa Bild von Gregor Hiltner aus Nürnberg, das ich mir vor 15 Jahren gekauft habe und das bis zu meinem Umzug vor ein paar Tagen immer in unserem Schlafzimmer hing. Wenn ich zu Bett ging, wenn ich morgens die Augen aufschlug - stets war es da. Das Bild und ich hatten eine innige Beziehung, die sehr stark nach meinen Launen schwankte. Es war ein abstraktes Bild mit vielen überlagerten Farben. Aber ich habe mich immer auf die rosa Passagen konzentriert und aus dem gewordneten Chaos einen Kopf herausinterpretiert.

Dieser Kopf verstärkte Tag für Tag meine Stimmungen, egal, wie ich gelaunt war. War ich schlecht drauf, machte mich das Bild regelrecht aggressiv. Ein paar Male hat es mich so geärgert, dass ich es abgehängt habe - um es am nächsten Tag wieder sehnsuchtsvoll hervorzukramen. Dieses Gemälde war wie ein stummer Begleiter, ein Hund, an dem man seine Stimmungen auslässt. Komisch, ich habe das Bild in dem neuen Zimmer noch nicht wieder aufgehängt und vermisse es auch nicht. Wahrscheinlich, weil es ganz in meinem Kopf ist. Aber wegwerfen werde ich es auf keinen Fall. Ich bin jemand, der nicht loslassen kann, der alles aufhebt. Vielleicht fasziniert mich Rosa auch deshalb: Rosa hält nicht fest, die Farbe ist leicht, frei, träumend.

Diese Welt kann sehr verführerisch sein. Wer vor Rosa Angst hat, der hat vielleicht Angst, sich in Verführung hineinzuwagen. Denn Verführung, Rosa, heißt auch: Kontrollverlust. Andererseits steckt ja in der Verführung auch die Chance für das ganz große Glück. Nicht umsonst sind die Rückseiten von Lottoscheinen rosa.

AUFGEZEICHNET VON SABINE RENNEFANZ