Rosa kann abgleiten ins Unechte, Puppenhafte. Im Klischee ist es die Farbe, die Frauen in Puppen verwandelt und Männer in Transvestiten. Gerade für einen Mann ist sie ja tabu. Viele Männer haben mit der öffnenden, entlarvenden Wirkung von Rosa ein Problem. Mein Gefühl kreist oft um das Weibliche im Manne, und ich habe festgestellt, dass ich Sympathien habe für Männer, die sich als Frauen verkleiden. Nicht dass ich das selbst machen möchte. Immerhin habe ich über die Auseinandersetzung mit Künstlern und Bildern Dinge an mir entdeckt, die man mir auf den ersten Blick nicht zuordnen würde: dass ich eine Glucke sein kann, sehr mütterlich, beschützend dass ich weinen kann.

Ich nehme Bilder überhaupt nicht akademisch wahr. Ich frage nicht: Wo ist der Bruch, welche Struktur hat das Bild? Nein, ich sehe rein emotional: Sagt es mir was oder nicht? Es gibt ein rosa Bild von Gregor Hiltner aus Nürnberg, das ich mir vor 15 Jahren gekauft habe und das bis zu meinem Umzug vor ein paar Tagen immer in unserem Schlafzimmer hing. Wenn ich zu Bett ging, wenn ich morgens die Augen aufschlug - stets war es da. Das Bild und ich hatten eine innige Beziehung, die sehr stark nach meinen Launen schwankte. Es war ein abstraktes Bild mit vielen überlagerten Farben. Aber ich habe mich immer auf die rosa Passagen konzentriert und aus dem gewordneten Chaos einen Kopf herausinterpretiert.

Dieser Kopf verstärkte Tag für Tag meine Stimmungen, egal, wie ich gelaunt war. War ich schlecht drauf, machte mich das Bild regelrecht aggressiv. Ein paar Male hat es mich so geärgert, dass ich es abgehängt habe - um es am nächsten Tag wieder sehnsuchtsvoll hervorzukramen. Dieses Gemälde war wie ein stummer Begleiter, ein Hund, an dem man seine Stimmungen auslässt. Komisch, ich habe das Bild in dem neuen Zimmer noch nicht wieder aufgehängt und vermisse es auch nicht. Wahrscheinlich, weil es ganz in meinem Kopf ist. Aber wegwerfen werde ich es auf keinen Fall. Ich bin jemand, der nicht loslassen kann, der alles aufhebt. Vielleicht fasziniert mich Rosa auch deshalb: Rosa hält nicht fest, die Farbe ist leicht, frei, träumend.

Diese Welt kann sehr verführerisch sein. Wer vor Rosa Angst hat, der hat vielleicht Angst, sich in Verführung hineinzuwagen. Denn Verführung, Rosa, heißt auch: Kontrollverlust. Andererseits steckt ja in der Verführung auch die Chance für das ganz große Glück. Nicht umsonst sind die Rückseiten von Lottoscheinen rosa.

AUFGEZEICHNET VON SABINE RENNEFANZ