Nur in einem Land ohne Freiheit ist denkbar, was Graham Greene in seinem Roman "Die Kraft und die Herrlichkeit" als Symptom äußerster Unterdrückung beschreibt: das Dasein gänzlich ohne Uhr. "Eines der seltsamsten Erlebnisse in diesen Tagen", erzählt Greene von den Zuständen in Mexiko, "war wohl, daß es keine Uhren gab. Man mochte ein Jahr wandern, ohne daß eine Stunde schlug. Sie waren mit den Kirchen verschwunden, und man blieb zurück, die graue, träge Dämmerung und die jähen Nächte als einzige Zeitmesser."

Solange wir mit dem Glockenschlag leben dürfen, der unbehindert von den Uhrtürmen unserer großen und kleinen Städte und unserer Kirchdörfer hallt, solange bleiben wir gebunden an Stunde und Minute und sind doch eben dadurch zugleich geborgen und frei. Freiheit – was ist sie anderes als die Möglichkeit für uns, die Dinge in der Schwebe zu halten? Dem Gebot, das die eine Stunde an uns richtet, steht die Freizügigkeit gegenüber, die uns eine andere Stunde schenkt. An uns ist es, die Sanduhr umzukehren und die Waage auszubalancieren. Der Glückliche, dem keine Stunde schlägt: Er bildet sich ja bloß ein, daß er glücklich sei, während er in Wahrheit zum Sturz ins Bodenlose ansetzt. Auch die gebrochenen Schwingen jenes geflügelten Wortes, das Schiller seinem Max Piccolomini in den Mund legte, werden ihn nicht vor dem Absturz bewahren.