Eine bestürzende Episode aus der linken Geschichte erzählt Michael Hanfeld. Es geht um die Fotos, die einen etwas jüngeren Joschka Fischer 1973 mit Helm beim Angriff auf einen Polizisten zeigen. "Vierzig Mark sind dem Fotografen ursprünglich für die Aufnahmen geboten worden, eine Million Mark soll zwischenzeitlich für sie, beziehungsweise für Fernsehaufnahmen vom selben Ereignis gefordert und schließlich eine immerhin noch sechsstellige Summe als Honorar vereinbart worden sein." Für Bilder, die einst vom FAZ-Fotografen Lutz Kleinhans gemacht wurden, wie der Abdruck der Bilder in der FAZ zeigt. Als Händlerin der Bilder trat bei Stern und Bild Bettina Röhl in Erscheinung, die Tochter Ulrike Meinhofs und heutige "freie Journalistin", die auf ihrer Homepage einen Privatkrieg gegen Fischer zu führen scheint. Sie hatte ursprünglich Rechte zum Abdruck der Bilder in einem Buch erworben und scheint die Bilder dann den Redaktionen angeboten zu haben. "Die Aufnahmen stammten aus der ehemaligen Sponti-Szene, soll den Chefredakteuren zur fragwürdigen Herkunft der Bilder gesagt worden sein." Zu den Fotos hat Hanfeld übrigens folgenden Kommentar: Sie erinnerten "Jüngere an den verheerenden Angriff deutscher Hooligans auf den französischen Polizisten Daniel Nivel während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft".

Hanfeld erzählt heute noch eine andere Geschichte aus der Medienwelt. Das Traumpaar aus einer Sendung, in der es offensichtlich darum geht, dass sich ein Millionär eine Braut wählt, kannte sich bereits vor dieser Sendung! "Jetzt spielt RTL die gefallene Unschuld und presst - selbstredend vor laufender Kamera - den Heiratskandidaten das Geständnis ab.... Bei einem Grünkohlessen sollen sie einander nähergekommen sein."

Andreas Kilb denkt über die neuen Filme von Ang Lee nach: "Ride with the Devil", der blutige Episoden aus dem amerikanischen Bürgerkrieg erzählt, wurde in den USA zum Flop, während "Tiger and Dragon", ein asiatisches Kampfsport-Märchen, als Oscar-Kandidat gehandelt wird: "Am Ende ist die Begeisterung für Lees Film... interessanter als der Film selbst. Hollywood, heißt es, habe ein schlechtes Jahr gehabt; aber so schlecht kann kein Hollywoodjahr sein, daß ein auf Mandarin gedrehtes Märchen aus der Qing-Dynastie zum Anwärter auf den Preis des besten Films werden müßte. Es ist die Sehnsucht nach heilen Mythen, die 'Tiger and Dragon' unter die Oscar-Kandidaten hebt. Bis vor 30 Jahren kamen diese Mythen aus den Tälern und Steppen des alten Westens. Dieser Brunnen ist versiegt. Nun sprudeln die Quellen Asiens."

Weitere Artikel: Christian Geyer schreibt zum 100. Geburtstag des Publizisten Walter Dirks. Iring Fetscher macht einen Vorschlag zur Reform des Steuerrechts: Wer keine Kirchensteuer zahlen will, soll gezwungen werden, den entsprechenden Betrag an gemeinnützige Organisationen zu geben. Der tschechische Kunstkritiker Thomas Strauss fragt: "Gab es einen Stil der Ostkunst?" Wolfgang Köhler stellt die libanesische Schriftstellerin Huda Barakat vor, deren Roman "Der die Wogen durchpflügt" den libanesischen Bürgerkrieg darstellt und einen bedeutenden ägyptischen Literaturpreis bekommen hat. Falk Jaeger würdigt das Landhaus Schminke von Hans Scharoun, das nun der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Besprechungen gelten Andris Plucis' Tanzstück "Haydn schaut" in Ulm, Bernhard Prinz' Porträtfotos in Bonn, eine Ausstellung mit "Kellerschätzen" des Münchner Stadtmuseums, restaurierten Palazzi in Rom und zwei französischen Filmen über den in Frankreich berühmten Mordfall der Schwestern Papin.

Süddeutsche Zeitung, 8.1.2001

Der amerikanische Kolumnist Jacob Heilbrunn schreibt einen kleinen Kommentar zur "Leitkultur", von den USA aus gesehen: "Nur zu, geben Sie es zu! Von Bayern aus betrachtet muss es überwältigend sein, wie George W. Bush ein multikulturelles Kabinett zusammenstellt: eines, das aus Schwarzen, Hispaniern, arabischen und asiatischen Amerikanern besteht. Weiße sind darin in der Minderheit. Das ist so, als würde Edmund Stoiber türkische Kleidung anlegen, um die Anwesenheit der Muslime in Deutschland zu feiern. Das wäre hier unmöglich? Seien Sie da nicht so sicher. Egal, wie es ihn schmerzen würde, seine Lodenjacke auszuziehen, selbst Stoiber könnte sich eines Tages dazu gezwungen sehen."