Das Tao ist der Weg. Das Tao ist das Ziel. Das Tao ist der Urgrund des Seins, das große Unsichtbare. Es ist allumfassend und sehr persönlich zugleich. Schwer zu fassen, schwer zu beschreiben, das magische Zentrum der chinesischen Philosophie. Ang Lee gibt sich Mühe, versucht den Begriff einzukreisen, bleibt unzufrieden mit der eigenen Erklärung. "Aber das Tao ist ein Teil von mir. Es steckt mir in den Knochen."

Ang Lee hat seinen Draht zum Tao behalten, in dieser Hinsicht ist er Chinese geblieben, genauer gesagt Taiwanese - auch wenn er nun schon seit 23 Jahren, sein halbes Leben lang, in den USA lebt. Für einen Filmregisseur kann das Tao eine problematische Mitgift sein. Zwar schwärmt Lee vom "ältesten Weg, das eigene Selbst mit der Natur des Universums in Einklang zu bringen". Aber dem eigenen Werk würde allzu viel innere Harmonie nicht gut tun. "Das Tao ist seinem Wesen nach antidramatisch. Das kann im Kino gefährlich sein." An Dramatik mangelt es nicht in Ang Lees Filmen; es lässt sich darin allerdings auch die Spur des Tao verfolgen. Von Zeit zu Zeit wird die Handlung so gut wie stillgestellt. Der Film kommt zur Ruhe, gönnt sich gewissermaßen eine kleine Meditation. Erst danach darf es weitergehen. Nie waren diese Art Atempausen stärker spürbar als in Lees zwei jüngsten Werken, die jetzt beide, nur um eine Woche versetzt, in den deutschen Kinos anlaufen. Das Martial-Arts-Märchen Tiger & Dragon ist wie das US-Bürgerkriegsdrama Ride with the Devil von Kampfszenen durchzogen. Trotzdem hat Ang Lee sich nicht dem aufbrausenden Element seiner Stoffe gebeugt, sondern ihnen den eigenen Rhythmus eingeprägt. Auch seinen Filmen steckt das Tao in den Knochen, das vertieft ihren Zauber selbst dann, wenn es darin hoch hergeht.

Ang Lee scheint eine Sonderration Tao gespeichert zu haben. Oder ist es bloß Schüchternheit? Wenn man dem Filmemacher zum Gespräch gegenübersitzt, fragt man sich, wie dieses Bündel Weichheit bei großen Produktionen seine Truppe unter Kontrolle halten mag. Weiche Worte plätschern leise aus einem weichen Gesicht, begleitet von einem milden Lächeln und einem Blick, der dem Fragenden das Gefühl vermittelt, jeder Satz bekomme Gültigkeit erst mit dessen Einverständnis. Der Nachdruck schleicht sich vorsichtig ins Gespräch hinein, Lee ändert seinen Ton dafür nicht. "Auch ich kann explodieren. Aber wir Taiwanesen versuchen bis zum letzten Moment, die Balance zu bewahren." Bei den Dreharbeiten zu Tiger & Dragon mussten manche Szenen bis zu dreißigmal wiederholt werden. Natürlich habe er viel herumgeschrien, sagt Lee. Aber dann fügt er mit einem besonders milden Lächeln hinzu, auch nach den schlimmsten Ausbrüchen hätte seine Assistentin noch gemeint, schreien höre sich anders an.

Ganz gelingt es Ang Lee also nie, seine Zurückhaltung aufzugeben. Nur einmal, später beim Abendessen, "explodiert" er, freilich auf die liebenswürdigste Weise. Er erzählt von den Aufnahmen für die spektakulären Kampfszenen in Tiger & Dragon, bei denen die Darsteller oft an Drahtseilen durch die Luft aufeinander zu sausten, vom Action-Choreografen Yuen Wo-Ping meisterlich arrangiert. Lee fuchtelt plötzlich wild mit den Händen in der Luft herum, imitiert die Geräusche des filmischen Gefechts und scheint völlig aufzugehen in der reinen Freude am Nachspielen. Für einen Augenblick bricht aus dem Regisseur eines großartigen Martial-Arts-Abenteuers wieder der Junge hervor, der in seiner Kindheit von solchen Abenteuern schwärmte. Als Erwachsener darf er nun dieser Schwärmerei neu nachgeben - und als "ernsthafter" Regisseur darf er sich sogar den Satz erlauben: "Ich glaube, man ist kein echter Filmemacher, bevor man nicht einen Martial-Arts-Film gedreht hat."

Im Fall von Ang Lee läßt sich der Satz auch umdrehen. Lee ist ein echter Filmemacher, weil er auch aus einem Martial-Arts-Film noch einen Ang-Lee-Film machen kann. Denn in Tiger & Dragon finden sich, zwanglos zwischen die Kampfballette gemischt, alle typischen Motive aus Lees vorherigen Werken wieder: die Spannung zwischen Tradition und Selbstbehauptung, zwischen Konvention und Rebellion, die Stärke der Frauen, der Weg hinaus aus alten Bindungen, die das Leben einengen, hinein in neue Bindungen, die das Leben schützen - das alles verbunden mit einem genauen Blick für den Unterschied zwischen einem wahren Gesicht und dem bloß zu wahrenden Gesicht.

Dieses letzte Motiv ist natürlich auch ein Teil von Lees chinesischem Erbe, und seine drei ersten Filme lang hat er sich sehr direkt daran abgearbeitet. In der so genannten Vater weiß alles besser-Trilogie spielt der Schauspieler Lung Sihung dreimal fast die gleiche Rolle: eine taiwanesische Vaterfigur. Mal ist er ein alter Tai-Chi-Lehrer (Pushing Hands), mal ein pensionierter General (Das Hochzeitsbankett), mal ein Meisterkoch (Eat Drink Man Woman), in jedem Fall eine Autorität, die ins Wanken gerät durch andauernde Reibereien mit den moderner gesinnten Kindern. Auch innerhalb der Familie muss das Gesicht gewahrt werden; so kommt es zu bizarren Charaden, zum Streit auf absurden Umwegen. Und in gewisser Weise ist die Trilogie selbst ein umgeleiteter Streit. Ang Lee mochte dem eigenen Vater jahrelang nicht gestehen, dass er Regisseur werden wollte. Noch während des Filmstudiums in New York verleugnete er sich nach Kräften selbst. Erst als Das Hochzeitsbankett 1993 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann, fühlte er sich rehabilitiert.

Nach seiner Trilogie im Zeichen der väterlichen Übermacht ließ Lee zwar ab vom Kampf mit der eigenen Kultur. Dessen Motiven blieb er trotzdem treu - sowohl bei der Entfaltung von Sinn und Sinnlichkeit in Jane Austens England als auch bei der Beobachtung des Eissturms, der dem Niederschlag der sexuellen Befreiung in Neuengland zu Beginn der siebziger Jahre folgt. Mittlerweile ist er zum Spezialisten geworden für die Irrfahrten der Gefühle entlang der Grenzen des jeweiligen Common Sense,für Gratwanderungen zwischen Aufbegehren und Wegducken. Sein neuer Film führt diese Spannung sogar im Titel, jedenfalls in dessen Originalversion: Crouching Tiger, Hidden Dragon, kauernder Tiger, versteckter Drache - das verweist auf die vorgetäuschte Zurückhaltung und den drohenden Ausbruch, die Lees märchenhafte Helden innerlich fast zerreißt. Parallel zu den atemberaubenden Kämpfen um das legendäre Schwert "Grünes Schicksal" entwickelt sich ein Drama um unterdrückte Leidenschaften, um Selbstaufgabe und Selbstverwirklichung. Die zwei weisen Wudan-Krieger Li Mu Bai (Chow Yun Fat) und Yu Shu Lien (Michelle Yeoh) verzichten auf ein glückliches Leben, weil sie nicht wagen, sich am überlieferten Verhaltenskodex vorbei ihre Liebe zu gestehen. Die junge Jen Yu (Zhang Ziyi) dagegen flieht sogar ihre arrangierte Hochzeit, um den Traum vom freien Kriegerleben durchzusetzen, und gefährdet dadurch ihre größten Gönner. Weil die Herzensangelegenheiten der Figuren in Tiger & Dragon beinahe so ergreifend sind wie ihre Kämpfe, trifft sogar fast die griffige Formel von Ang Lees ewigem Drehbuchautoren und Produzenten James Schamus zu, es handele sich hier um "Sinn und Sinnlichkeit aus der Martial-Arts-Perspektive".