Der Duft der Babys

"Wie riecht es?"
"Nach Baby," sagt sie und lacht. Riech noch mal! "Es riecht weich und noch nicht nach Mensch."

Es gibt keinen anderen Geruch, der das vergleichsweise sein könnte. Der einzige Geruch, der uns sagt, dass wir nicht allein sind. Von Anfang an.

"Ich kann einen Babygeruch von jedem anderen unterscheiden," sagt Professor Randolf Menzel, Leiter des Institus für Neurobiologie, FU Berlin.

Kein anderer Sinn geht so direkt in unser Gehirn wie das Riechen. [1] Die entsprechende Hirnregion ist stammesgeschichtlich der älteste Gehirnteil. Der Mensch kann 10 000 bis 50 000 verschiedene Düfte unterscheiden. Nichts ist so sehr mit Erinnerungen verbunden wie Gerüche. Wir sind Riechtiere: Da ist der Reiz, der Geruch, und diese Erregung führt zu einem Bild im Gehirn. Jeder Duft macht ein anderes Muster.

"Das sind eigenständige Landschaften. Das alles ist unser Duftgedächtnis. Und die frühzeitig geprägten Düfte sind sehr stabil", sagt Randolf Menzel.

Das Schaf riecht am neugeborenen Lamm und hält diesen Geruch zwei Stunden im Gehirn. Und wenn sich das Schaf dann für sein Junges entscheidet, wird diese Geruchsinformation als Folge im Geruchskortex verschaltet. Eine sehr starke Prägung. Mit anderen Worten: Die Mutter wird ihr Junges aus tausend Schafen herausriechen. Und das Junge die Mutter. Diese geprägte Empfindung sichert das Überleben. So kriechen Babys zur Brust.

"Das Problem ist, dass der Duft nicht unseren Intellekt betrifft, sondern unsere Emotion. Und deshalb finden wir die Worte nicht dazu."

Der Duft der Babys

Wir können uns leicht an Gesichter erinnern oder an Geschehnisse, wir können Bilder zurückholen; aber Düfte? Bei Düften erinnern wir uns an die Umstände, das Medium bleibt uns trotzdem unzugänglich.

Also noch mal starrsinnig von vorn.

"Wie riechen Babys?"

Sabine R. und ihre Tochter Lene, dreieinhalb Jahre alt

Sabine erinnert sich nicht gleich an den Babygeruch ihrer Tochter. Im Krankenhaus war sie als Rabenmutter verschrien. Lene war ein Kaiserschnitt gewesen. "Nehmen Sie das Kind weg", waren ihre ersten Worte gewesen. Etwas später roch das Kind schon nach Babycreme und nach Bädern. Es hat eine Woche gedauert, bis sie das Kind angenommen hatte. Plötzlich roch das ganze Kind angenehm. Wie ein warmer Backofen, den man sich auf den Bauch legt.

Auch der Milchstuhl stank nicht. Auf einmal riecht alles gut. Babys riechen ja so frisch. Haben keine Käsefüße und keinen Mundgeruch. Der kommt erst mit den Zähnen und mit dem Wechsel der Nahrung. Zwei Jahre habe sie Lene gestillt, und im Übrigen finde sie den Mundgeruch ihrer Tochter auch angenehm, denn: "Wie ich sie rieche, so fühlt sie sich an, und wie sie sich anfühlt, so sieht sie auch aus", sagt Sabine und lächelt. Das ist schön, wenn sich die verschiedenen Sinne verbinden und zu einem einheitlichen Körperbild ergänzen.

"Ich weiß noch ganz genau, wie der Vater von Lene gerochen hat, als wir uns kennen lernten. Und zwar nach dem Waschmittel seiner Mutter."

Der Duft der Babys

Aber Kinder riechen flauschig. Man schnüffelt, wo immer man sie küsst. Bei dicken Babys sammeln sich Dreckwürste wie Wollmäuse zwischen den Fingern. Die riechen leicht säuerlich.

"Man riecht sein Kind."

Überhaupt sei man während der Schwangerschaft und danach nicht mehr der Meister seiner selbst. Da laufe ein Programm ab, wie bei einer Wanderameise oder einer Grille. Sabine R. konnte keine Menschengruppen riechen. Softies, also die Taschentücher, roch sie gerne. Und dann erzählt sie die Geschichte der Frau, die schwanger wurde und nicht genau wusste, von wem. Doch während der Schwangerschaft konnte sie plötzlich den einen der beiden vermeintlichen Väter nicht mehr riechen. Treffer.

Nach Professor Menzel gilt es als erwiesen, dass Frauen sogar den Immunstatus von Männern, signalisiert durch Düfte, erkennen und so unbewusst ihre Partnerwahl treffen. Wir bleiben Riechtiere. Was wichtig ist, ist nicht erfahrbar. Und die Lene selbst habe sich noch nie über den Geruch der Mutter und des Vaters beschwert.

"Die Lene riecht wie ich. Sie besteht aus meinem Fleisch. Wie ein losgelöster Teil meiner Selbst. Deshalb riecht sie so wie ich und ist mit mir identisch."

In der Bibel steht: Er ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein ...

Es gibt nichts Fremdes, keine Überraschungen, was den Geruch des eigenen Kindes betrifft. Ein Geruch lügt nicht.

Der Duft der Babys

"Als Kind war mein Lieblingsplatz das Bett meiner Eltern. Die waren wie riesige Berge. Und ich dazwischen. Und der Körper meiner Mutter war ganz weich."

Der Körper ist eine Heimat. Und solange man sich fortpflanzt, erinnert sich jemand an unseren Geruch.

Christa S. und der Geruch von Lea, drei Jahre, und Lukas, sechs Jahre alt

Lukas und Lea kennen keine Cremes, man hat ihnen die Käseschmiere, diesen Schutzmantel mit dem Kinder auf die Welt kommen, gelassen. Mit diesem Geruch, der ein Überbleibsel aus dem Bauch der Mutter ist, beginnt die innige Verbindung. Nur Erste-Wochen-Wischiwaschi-Wäsche mit Lappen und wenig Wasser. Süß-säuerlich, so riechen Kinder. Lieblingsstellen Kopf, Nacken. Und Füße streicheln, kitzlig; Babys mögen es, wenn man mit ihren Zehen spricht. Beim Zahnen roch der Stuhl nach Rhabarber. Lukas ist ein Heißschläfer, nach kurzer Schlafzeit schon mit feuchtem, saurem Kopf. Es gibt eine Stelle am Bettrahmen hinter dem Kopf, da ist der Lack ab und das Holz rauh vom Schwitzen, riecht man darunter an der Matratze, kommt ein rassiger Geruch. Eingespeichelt!

Die Zweitgeborenen. Lea will noch bei 30 Grad Celsius einen Pulli tragen. Die hat ein anderes Körpergefühl. Und Lieblingsgerüche?

"Die Lavendelpflanze auf dem Balkon. Und Korsika, wie ein Bad in Gewürzen, wenn die Sonne draufhält und die Luft zieht über das Land."

Professor Menzel liest das Gedicht eines arabischen Dichters, 6. Jahrhundert nach Christus, vor.

Der Duft der Babys

nah und fern
lockte mich ihr Duft unwiderstehlich
wie ein Magnet
wie ein geheimer Verführer
der mir ständig
die Wonnen ihres Körpers
und ihres Gesichtes vorgaukelte
"Das Vorgaukeln, darum geht's", sagt er.

Dr. Heike K. Kinderärztin und Kardiologin, und ihre Johanna, elf Monate alt

Für sie ist der Geruch ein Zeichen der Nähe. Das Baby liegt neben einem, und man zieht es sich ganz nah heran, und riechen kann man es nur in der Nähe. Man muss diesen fremden Menschen erst kennen lernen; beschnuppern. Durch das Riechen nimmt man diesen Menschen auf.

Babys in der Beugestellung sind eine Wolke. Die Schorfzellen am Kopf riechen nach Maggi. Der Muttermilchstuhl aromatisch wie in Milch eingelegte Brötchen. Warm! Das Warme vermittle das Lebendige. Durch Wärme entstünden Prozesse, die beruhigend und angenehm seien.

"Es gibt keine Kinder, die nicht riechen!"

Sie muss es schließlich wissen, als Kinderärztin mit Praxis. Der Mörder Jean-Baptiste Grenouille aus dem Weltbestseller Das Parfüm von Patrick Süskind kommt als Kind ohne Geruch auf die Welt. Das ist sein Markenzeichen und sein Fluch.

"Jeder Körper sendet Moleküle", sagt Professor Menzel.

Der Duft der Babys

Das heißt: Etwas ohne Geruch ist etwas Kaltes, Totes. Die Geruchslosigkeit als eine Metapher für ein eiskaltes Herz.

Gibt es einen Geruch für Trauer?

"Trauer hat einen Geruch von nächtelang durchschwitzten Kleidern. Aber der Geruch von Babys ist einer, der sagt, dass man nicht verstoßen wird, dass sich die Mutter kümmert", sagt sie.

Genau! Und mit dem Geruch von Babys empfinde sie noch etwas Zusätzliches. Eine Sehnsucht. Wenn etwas so riecht, dann möchte man es in den Arm nehmen und fühlen. Sehr gut! Deswegen gibt es wahrscheinlich auch keine Parfüms, die nach Baby riechen, weil der Geruch nicht ausreichend ist, um die nachfolgende Sehnsucht zu stillen.

Franka Müller, Berlin, 22.30 Uhr, Geburtshilfestation der Charité

Die Zeit, in der sie kommen. Hier liegen Babys in der Luft. Franka Müller hat Nachtschicht und schmunzelt. Seit 16 Jahren ist sie hier Hebamme und sitzt somit an einer der Quellen. Im Aufenthaltsraum hängen Fotos von dankbaren Nachkommen.

"Babys riechen rein und unverdorben."

Der Duft der Babys

Der erste Neugeborenenstuhl, eine zähe schwarze Masse aus Hautzellen und Haaren, die im Fruchtwasser schwimmen, rieche nicht. Der Muttermilchstuhl ist hellgelb und riecht säuerlich. Frankas Lieblingsstellen sind Hals, Bauch und Nasenrücken. Ihre Kinder sind 13 und 11 Jahre alt. Aber jede Hebamme, sagt sie, nehme sich fünf Minuten Kuschelzeit bei einem Neugeborenen. Das sei die Belohnung für die Arbeit.

"Babys riechen die Milch und richten sich danach."

Mütter reden nicht über den Geruch ihrer Kinder. Eines ist aber klar: Mütter wollen nicht, dass Fremde in den Wagen langen und die Kinder anfassen. Ein Atavismus. Unbewusst schützen Mütter das Kind vor fremden Gerüchen. Wie beim Schaf, das ja sein Junges am Geruch erkennt - riecht es plötzlich anders, wird es verstoßen.

"Babys wenden sich ab, wenn die Mutter stark parfümiert ist. Je süßer und schwerer das Parfüm, desto unangenehmer."

Was sie gern rieche, seien das Frühjahr und der Herbst. Fresien und Maiglöckchen, die eigene Familie. Manchmal backe sie im Winter Kuchen, nur damit es in der Wohnung nach Kuchen rieche. Und der Geruch nach verbranntem Laub, der mittlerweile sehr selten sei. Schneegeruch. Frisches Brot. Der Geruch von Booten, geteert und lackiert. Schusterleim. Und in Bücher rieche sie rein. Sehnsucht nach dem, was war, wie es gut war. Aber das gehört nicht hierher.

"Mit der Pubertät verlieren die Kinder den Geruch."

Die Nabelschnur hört hier auf.

Der Duft der Babys

Letzte Frage: "Gibt es einen universellen Babygeruch?"

"Ja. Sie riechen immer nach Milch!"

Endlich. So einfach.

Wir gehen einen Gang entlang. Sie reicht zum Abschied die Hand. Ein Händedruck so sanft wie Regen. Darauf können sich kommende Kinder freuen.