Es ist schon eine merkwürdige Ironie, dass sich ausgerechnet jener Mann, der vor drei Monaten mit seinem Besuch auf dem Jerusalemer Tempelberg die blutigen Unruhen in den Palästinensergebieten ausgelöst hat, die besten Chancen ausrechnen kann, der nächste Ministerpräsident Israels zu werden. Und mit jedem Terroranschlag wachsen seine Aussichten.

Das politische Leben in Israel, hat Ariel Scharon vor mehr als zehn Jahren in seiner Autobiografie (The Warrior) geschrieben, gleiche einem Rad, das sich unablässig dreht. Manchmal sei man oben und manchmal unten. Nun, im Alter von 72 Jahren, will er es endlich bis nach ganz oben schaffen. Es war immer schon sein Traum, Ministerpräsident zu werden. Doch sein Image als Kriegstreiber, der für den Libanonfeldzug und das Massaker von Sabra und Shatilla im Jahre 1982 verantwortlich gemacht wurde, versperrte ihm den Weg. Bis vor kurzem. Jetzt freilich, wo Ehud Baraks Popularität schrumpft, macht Scharon täglich Punkte. Die jüngsten Umfragen räumen dem Vorsitzenden des Likud-Blocks einen Vorsprung von mehr als 20 Prozent ein.

Scharon weiß, dass sein unverhofftes Comeback als Kandidat für das Amt des Regierungschefs im In- und Ausland Angst auslöst. Die ehemalige Generalkonsulin in New York und Knesset-Abgeordnete Colette Avital behauptet gar, dass Scharons Image im Ausland mit dem Ansehen von Slobodan Milocevic zu vergleichen sei. Deshalb schlägt er jetzt moderate Töne an, redet von der Notwendigkeit einer "Großen Koalition" mit Ehud Barak als Verteidigungsminister. Vor der Kamera wirkt er staatsmännischer, freundlicher, sanfter als früher. Der beleibte ehemalige General stellt sich dar als "jemand, der in allen israelischen Kriegen gekämpft hat und die Bedeutung des Friedens besser versteht als viele Politiker, die reden, aber ihre Versprechen nicht einhalten". Zumindest die israelischen Medien spekulieren, ob es dem als "Bulldozer, Extremist, Hardliner" verteufelten Mann tatsächlich gelingen könnte, sich neu zu erfinden, oder ob da ein Wolf viel Kreide gefressen hat.

"Nur Scharon wird Frieden bringen", lautet sein Wahlkampfspruch. Das soll die Zweifler beruhigen. "Wir können nicht zurück zu den Tagen Scharons", kontert Ehud Baraks Team und spielt auf die Vergangenheit an, die der Oppositionschef so gerne vergessen machen möchte.

Dass die Wähler von Ehud Barak abfallen, bedeutet nun keineswegs, dass sie sich gegen eine Fortsetzung des Friedensprozesses wenden. Die Mehrheit lehnt zwar den Schlingerkurs der jetzigen Regierung ab, will aber durchaus mit den Palästinensern weiterverhandeln; darauf nimmt Scharon Rücksicht, indem auch er ein Abkommen in Aussicht stellt. Seine Parole ist ein "Frieden für Generationen". Allerdings verschweigt er, wie der aussehen soll.

Als der Oppositionschef auf einer Konferenz vor zwei Wochen in Herzliya eine Rede über die nationale Sicherheit hielt, gewährte er dem Publikum einen tieferen Einblick in seine Sicht der Dinge. Scharon schloss unter allen Umständen eine Rückkehr zu den Grenzen von 1967 aus; auch will er keinesfalls auf das Jordantal verzichten, das für ihn eine notwendige Pufferzone zwischen Jordanien und dem künftigen Palästinenserstaat darstellt. Jerusalem dürfe nicht geteilt werden und müsse für immer unter israelischer Souveränität bleiben. Überhaupt gebe es in seinen Augen derzeit keine Möglichkeit eines dauerhaften Friedensabkommens mit den Palästinensern. Um es zusammenzufassen, kommentierte der Militärexperte Zeev Shiff in Ha'aretz, "gibt es nichts Neues unter der Sonne, was Scharons politische und militärische Ansichten anbetrifft".

An der Macht moderat, in der Opposition ein Kriegstreiber?