Ob im Fernsehen oder in der Zeitung, für den Bürger bleibt die gegenwärtige Rentendebatte ziemlich undurchsichtig. Allerdings hat man sich schon seit langen Jahren an den nebulösen Zustand gewöhnt, zu dem so manche Politiker, Gewerkschaften und Arbeitgeber mit kurzsichtigen Parolen beitragen. Es geht aber bei der Alterssicherung um das Kernstück des Wohlfahrtsstaates. Man darf den weit ausgefächerten Wohlfahrtsstaat, den sich fast alle westeuropäischen Nationen von Sizilien bis zum Nordkap in ziemlich ähnlicher Weise geschaffen haben, als die bisher letzte große kulturelle Errungenschaft der Europäer bewerten. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der den Staaten der Europäischen Union gemeinsamen politischen Kultur.

Die Aufrechterhaltung dieser Glanzleistung ist in den meisten der Mitgliedsstaaten der EU gefährdet. Fast überall ist der Wohlfahrtsstaat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erkrankt: weil erstens alle europäischen Gesellschaften überaltern - relativ immer weniger Erwerbstätige sollen den Lebensabend von relativ immer mehr Alten finanzieren

weil man zweitens überall in der EU die Lebensarbeitszeit herabgesetzt hat

drittens wegen der verbreiteten Massenarbeitslosigkeit und weil Arbeitslose weder Beiträge noch Steuern zahlen.

Die Therapie muss auf allen drei Feldern ansetzen. Weil aber in Deutschland die heutige Debatte sich konzentriert auf Generations-, Demografie- oder Ausgleichsfaktoren, auf die Frage nach den zukünftigen Rentenniveaus, auf Rentenformeln, auf Ergänzung durch eine zusätzliche kapitalgedeckte Rente, so können wir mit dergleichen Instrumenten und mit ihrer Reform zwar Zeit gewinnen - zumal dann, wenn Koalition und Opposition die Reform gemeinsam bewerkstelligen -, nicht aber können wir damit eine grundlegende Gesundung bewirken.

Wenn aber allein die Reform der Rentengesetzgebung die Gesundung bewirken soll, so wird sich die heute fällige Gestaltung des Generationenvertrages zwischen Jung und Alt kaum länger als über ein Jahrzehnt hinaus aufrechterhalten lassen. In diesem Falle würde es danach zu einer schrittweisen relativen Absenkung des Rentenniveaus kommen. Damit dieser Fall nicht eintritt, ist es dringend wünschenswert, dass Bundestag und Regierung sich zu Beginn der nächsten Legislaturperiode - jenseits aller Rentenbastelei - den Grundursachen der Erkrankung und deren Therapie zuwenden. Zur Gesundung wird es nötig sein, der Öffentlichkeit Klarheit über die Grundursachen zu verschaffen und Verständnis für die dringende Notwendigkeit ihrer Beseitigung zu wecken.

Die erste Grundursache ist die fortschreitende Überalterung unserer Gesellschaft. Auf 100 Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 60 Jahren entfielen 1960 ganze 32 Menschen im Alter über 60 Jahren