Die Philosophie hat ein neues Zauberwort. Von der Wissenschaftstheorie bis zur Philosophie des Geistes macht der "Holismus" Karriere. Doch solche Worte leben gefährlich. Man denke nur an das ehemals auratische Wörtchen "Dialektik". Einst leistete es wahre Wunderdienste, doch plötzlich war es mausetot. Nun also "Holismus". Schon hört man allenthalben die bequeme Floskel, bei dieser oder jener verwickelten Angelegenheit handle es sich eben um holistische Strukturen. Lässt sich der Begriff noch retten, bevor ein inflationärer Gebrauch ihm den Garaus macht?

Eine Theorie des Geistes beispielsweise argumentiert holistisch, wenn sie annimmt, dass die Überzeugungen, die jemand hat, ihren Gehalt nur in Abhängigkeit von seinen übrigen Überzeugungen haben. Jede einzelne Meinung gewinnt ihre Bedeutung demnach aus den Beziehungen, in denen sie zu anderen Meinungen steht. Nach einem Vorschlag von Robert Brandom, dessen Wälzer über Expressive Vernunft (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2000) so manchem noch bevorsteht, sind diese Beziehungen als Relationen des Schließens zu verstehen. Überzeugungen können einander enthalten, einander stützen oder einander ausschließen. So enthält die Meinung, dass es in Hamburg regnet, die Überzeugung, dass es eine Stadt dieses Namens gibt

sie stützt die Vermutung, dass dort die Straßen nass werden

sie schließt die Annahme aus, dass dort die Sonne scheint. Auf diese Weise sind, dem Holismus zufolge, alle unsere Meinungen miteinander vernetzt. Der menschliche Geist ist nicht eine Ansammlung isolierter Daten, sondern ein dynamisches Ganzes von Gedanken.

Entwickelt wurde diese Auffasung in Zurückweisung einer Abbildtheorie des Geistes, bei der das Verhältnis von Gedanke und Realität im Vordergrund steht. Ihr zufolge gewinnen Überzeugungen ihren Inhalt je für sich aus ihrem Bezug auf die Welt. Diese Theorie hat jedoch große Schwierigkeiten, zu erklären, wie diese Beziehung zustande kommt. Denn wie kann sich eine Überzeugung auf ein bestimmtes Stück Wirklichkeit beziehen, wo sie doch alles andere unbestimmt lässt? Hier verfügt die holistische Deutung über eine überlegene Antwort. Sie versteht die Bestimmtheit einer Überzeugung aus ihrer Stellung zu vielen weiteren Überzeugungen. Jedoch führt diese Überlegenheit geradewegs in ein neues Dilemma. Denn wenn unsere Überzeugungen ein System bilden, wie kann man dann überhaupt eine Überzeugung kommunizieren oder verändern, ohne zugleich alle anderen mit in Betracht zu ziehen? Wie können verschiedene Personen einander überhaupt verstehen, da sie doch niemals genau dieselbe Menge von Meinungen haben?

Den hier drohenden Weg nach Absurdistan möchte der Konstanzer Philosoph Michael Esfeld versperren, indem er dem "Überzeugungs-Holismus" einen "sozialen Holismus" zur Seite stellt. Inspiriert von Brandom, versteht Esfeld unter sozialem Holismus die Auffassung, dass das Denken und die in ihm enthaltenen Gedanken ihren Ort in den Praktiken des sprachlichen Austauschs haben. Die Fähigkeit, sich gegenüber anderen auf eigene Überzeugungen festzulegen, ist mit normativen Ansprüchen und Erwartungen verbunden, aus denen sich die Verbindlichkeit von kognitiven Orientierungen allererst ergibt. Die welterschließende Kraft des Denkens ist nur innerhalb einer Gemeinschaft von Sprechern gegeben, die einander für die Richtigkeit und Unrichtigkeit ihrer Gedanken zur Rechenschaft ziehen können.

So gerüstet, kann Esfeld den absurden Superholismus in einen plausiblen moderaten Holismus verwandeln. Da es eine kommunikative Praxis ist, in der Überzeugungen ihren Inhalt erhalten, erweist sich auch die Reichweite ihrer Bestimmtheit als eine letztlich praktisch Frage. Es liegt niemals ein für alle Mal fest, inwieweit man die Überzeugungen eines Anderen teilen oder überblicken muss, um eine seiner Äußerungen zu verstehen. Statt "ad infinitum" - ins Unendliche - zu reichen, sind die Vernetzungen des Denkens "ad indefinitum" - bis ins Unbestimmte - artikuliert. Für die Kommunikation genügt das. Und wie schon Wilhelm von Humboldt bemerkte - allein das macht Kommunikation interessant.