Drei Jahre nach dem Tod der Freundin veröffentlichte Marie Baum 1950 ihre Ricarda-Huch-Biografie Leuchtende Spur und schrieb darin, die Künstlerin habe in ihrem Leben "nur Wesentliches getan". Dabei hatte "Bäumchen" seit den gemeinsamen Zeiten in Zürich alle Irrungen und Wirrungen hautnah miterlebt, die die Literaturwissenschaftlerin Anne Gabrisch nun versucht hat, aus dem Briefwechsel dieser eigenwillig-schöpferischen Dichterin und Denkerin zu rekonstruieren.

Wer "die Huch" bislang nur vom Eindruck ihres vielgestaltigen, souverän abgeklärt wirkenden OEuvres her kannte ("Die anderen haben ihren Goethe - wir haben unsere Huch!", wurde sie einst gefeiert), ist gründlich überrascht - und tut gut daran, sich für die Lektüre dieser abgründigen Liebesgeschichte mit Marie Baums Diktum zu wappnen.

Im Jahre 1879, Ricarda ist 15 Jahre alt, heiratet ihre fünf Jahre ältere Schwester Lilly den 29-jährigen Richard Huch, ihrer beider Cousin - eine stürmische Liebesheirat. "Was so heiß beginnt, hält nicht an", prophezeit eine skeptische Stimme und soll damit Recht behalten. Spätestens nach der Geburt des dritten Kindes ist die Leidenschaft ehelichem Alltagstrott unterlegen. Zur Statthalterin von Richards Leidenschaft avanciert Schwägerin Ricarda - und wird es jahre-, jahrzehntelang bleiben. (Und wird gleichzeitig, stellvertretend für die anteilnehmende Schar "emanzipierter" Freundinnen, leben und lieben - und büßen, darunter auch Marie Baum.)

Richard, der immerhin etablierte Mittdreißiger, scheint, wenig verantwortungsvoll, auch wenig getan zu haben, um die schwärmerische Sehnsucht des jungen Mädchens zu dämpfen. Zwar verkörpert der konservative Jurist ein stabiles Moment inmitten einer höchst unsteten Familie, ist es ihm im Unterschied zum Gros der Verwandten doch immerhin gelungen, ökonomisch Fuß zu fassen, was einen Teil seines Reizes ausgemacht haben mag. In Konflikten beweist er diplomatisches Geschick, doch ist er auch wankelmütig, gar feige, ein musischer Charakter in den Augen der liebenden Frau. Als Ricarda und Richard ins Gerede kommen - sie mehr als er -, ist es bereits zu spät.

Verstoßen aus der Braunschweiger guten Gesellschaft, bleibt der jungen Ricarda kaum anderes übrig, als zum Studium nach Zürich zu gehen und so auf den einen Skandal noch einen zweiten zu setzen.

Dabei lebt sie zwar unbürgerlich, sie fühlt sich aber nicht so. Verlobt fühlt sie sich und klammert sich hartnäckig an die Hoffnung auf eine zukünftige Ehe mit Richard. Da die große Liebe komprimiert ist auf wenige Wochen im Jahr, auf heimliche gemeinsame Reisen, kann Ricarda für den Rest des Jahres ungehemmt-nüchtern ihre ehrgeizigen Ziele verfolgen. So hat die Hingabe an die große Unerreichbarkeit durchaus ihre praktischen Seiten. Sie promoviert über Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges und verfasst nebenher erste Dramen, Gedichte, einen Briefroman über die Schwächen der Männer im universitären Betrieb - Der Rachedolch, leider ist nur der Titel erhalten geblieben - und schließlich die Romane und Novellen, mit denen sie Berühmtheit erlangt.

Was hat diese kluge, genau wahrnehmende Frau an einer für Außenstehende doch erkennbar aussichtslosen Liebe so lange und unbeirrbar festhalten lassen? So unbelehrbar schließlich, dass sie um Richards willen ihren späteren Mann Ermanno Ceconi, den Vater ihrer Tochter, verließ? Die späte Ehe mit Richard scheiterte, musste ja scheitern: "Was so heiß beginnt ..." War auch das Scheitern noch "wesentlich"?