Der bestürzenden Erkenntnis, dass Joschka Fischer 1973 einen Polizisten schlug, widmet die FAZ noch mal eine ganze Seite. Joscha Schmierer, 68er und Gründer des maoistischen KBW, erzählt, dass es den 68ern eigentlich vor allem um Demokratie ging. "Nur wer das explosive Potential der Demokratiefrage verkennt, kann zur Auffassung gelangen, Demokratie hätte bei den revolutionären Gruppen der siebziger Jahre - bis hin zur RAF - keine Rolle gespielt. Weil die Demokratie Dreh- und Angelpunkt des politischen Denkens der extremen Linken blieb, behielt sie den Türgriff für die Rückkehr in die Bundesrepublik, die nur ganz wenige wirklich verlassen hatten, in der Hand. Die extreme Linke musste eine Kehre vollziehen, aber sie war dazu von sich aus in der Lage. Die biografischen Brüche führten selten zu gebrochenen Persönlichkeiten. Das war nur möglich, weil die Bundesrepublik selbst sich so veränderte, dass die politische Einkehr nur selten den Kniefall voraussetzte."

In einem nebenstehenden Artikel montiert die Redaktion einige Gewaltrechtfertigungen der 68er-Zeit. Beispiele: "Der Staat ist ein Untier, das bekämpft werden muss. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, dieses Untier Staat zu zerstören." Joseph Beuys, 1972. Aber auch: "Springer könnte sich die Wanzen bald vom Leibe schaffen, wenn er nicht so merkwürdige Hemmungen gegen die Anwendung der einzig dafür tauglichen Mittel hätte. Man kann Ungeziefer eben nur mit den geeigneten mechanischen und chemischen Mitteln vertilgen, nicht mit gutem Zureden." Emil Franzel, Preisträger der Deutschland-Stiftung, 1968.

Jordan Mejias hat den legendenumwobenen Opernmäzen Alberto Vilar in New York getroffen. Im Gespräch gibt er ein paar Tipps, wie die notleidende Stadt Berlin mit ihren drei um Nahrung wimmernden Opernhäusern um ihn werben könnte: "Wer nicht fragt, könnte die Quintessenz lauten, der kann auch nichts bekommen. In Vilars eigenen Worten: 'Ich bin nicht die Weltbank. Ich sage doch nicht einfach: Hier Berlin, hier ist etwas. Sie müssen dafür ein bisschen arbeiten. Wissen Sie, ich habe einen vollen Terminkalender, wie ein Opernstar. Wenn Sie mir sagen würden: 'Kommen Sie doch zum Opernball, zu einer Gala', oder: 'Plácido singt in Ihrer Lieblingsoper, seien Sie unser Gast' - das wäre eine nette Geste.' Anders mit dem Zaunpfahl gewinkt: 'Sie kennen die alte Geschichte von Mohammed und dem Berg? Wenn Sie einem Kerl hinterherjagen, der unglaublich viel Geld verteilt, sollten Sie schon eine Strategie entwickeln.'"

Eduard Beaucamp, der die DDR-Kunst der Sittes und Tübkes immer schon für das Nonplusultra in der Kunst des 20. Jahrhunderts hielt, ist böse, dass die in Nürnberg geplante Sitte-Austellung nun abgesagt ist: "Sittes Werk muss im Kontext seiner Aktivitäten diskutiert werden - auch der Repressionen, Benachteiligungen und 'Demütigungen', die, wie Dissidenten sagen, von ihm ausgingen. Doch für eine Dämonisierung ist kein Anlass. Mit Sittes Präsidentschaft im Künstlerverband verbinden sich die Entstalinisierung und Liberalisierung der DDR-Kunstszene." Ob die "Dissidenten" das auch so sehen?

Die FAZ startet eine neue Serie über ökologische Grundfragen. Grundthese ist, wie der Vorspann darlegt, dass die Grünen in der Umweltpolitik versagt hätten. Den ersten Artikel schreibt Hansjörg Küster, Professor für Geobotanik in Hannover. Am Begriff der "Nachhaltigkeit" will er dieses Versagen der Ökologen darlegen. Ein Beispiel: "In der Landwirtschaft könnte man auf den Einsatz vieler Dünge- und Pflanzenschutzmittel verzichten, wenn man Kulturpflanzen genetisch veränderte. Das wäre im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips, weil weniger Ressourcen verbraucht werden. Aber dagegen wenden sich diejenigen, die meinen, dass Gentechnik die Zukunft der Lebewelt verändert."

Weitere Artikel: Burkhard Spinnen hat einem Symposion über die Nacktheit gelauscht. Joseph Croitoru berichtet über einen Streit um ein polnisches Entschädigungsgesetz, das nur Enteignungsopfer ab 1944 entschädigen soll, womit die meisten jüdischen Enteignungsopfer ausgeschlossen bleiben. Renate Klett hat sich hat sich auf eine Theater- und Festivalreise durch Estland begeben. Leo Wieland berichtet, dass nun erstmals ein politisch korrektes Denkmal von Roosevelt im Rollstuhl enthüllt wurde.

Besprochen werden Takeshi Kitanos Gangsterfilm "Brother", Eugen d'Alberts Oper "Die toten Augen" in Aachen, eine Bonner Ausstellung mit Adenauer-Briefmarken aus der ganzen Welt und eine Inszenierung von Federico Garcia Lorcas Stück "Mariana Pineda" in Bonn.