Ein Raum voller Schmerz. Vier Augenpaare blicken zur Tür, weder die beiden Kinder noch die zwei alten Männer regen ihre verbrannten Körper. Sie bleiben stumm. Eine Krankenschwester steht hilflos vor den Betten, sonst ist das Zimmer leer. Putz fällt von den Wänden, im Boden sind Löcher. Auf dem düsteren Flur des einst stolzen Zentrums für Verbrennungen in der georgischen Hauptstadt Tiflis drängen sich Verwandte der Verbrennungsopfer. Sie warten darauf, von Chefarzt Besik Iashvili in die Apotheke geschickt zu werden, wenn er neue Mittel gegen seine Feinde braucht. Am meisten fürchtet Iashvili die Staphylokokken. Diese Bakterien infizieren die Brandwunden seiner Patienten, eine Blutvergiftung ist dann fast unausweichlich.

Wenn die Familie es sich leisten kann, behandelt Iashvili seine Patienten mit Pyrophagen. Das Medikament ist eine georgische Spezialität und eine medizinische Hoffnung - so unerwartet das ist in einem Land, das sich nach einem Bürgerkrieg im freien Fall befindet. Iashvilis Zuversicht ruht auf einer Mischung von besonderen Viren. Sie werden Bakteriophagen genannt und attackieren keine Menschen, sondern vernichten ebenjene Bakterien, die der Arzt so fürchtet.

In jedem Krankenhaus der Welt außerhalb Georgiens greifen die Ärzte in solchen Fällen zu Antibiotika. Doch immer häufiger vergebens. Die Waffe, die jahrzehntelang die Menschheit vor gefährlichen Bakterien schützte, verliert ihre Kraft. Viele Mikroben sind bereits gewappnet, bei einigen Arten wie Enterokokken oder Staphylokokken sehen sich die Ärzte zuweilen Bakterien gegenüber, die jedes Antibiotikum austricksen. Allein in den USA sterben jährlich 14 000 Menschen an resistenten Keimen.

In ihrem neuen Bericht über die Gefahr resistenter Bakterien warnt die Weltgesundheitsorganisation, dass "der medizinische Fortschritt zunichte" gemacht werde, falls die Krise nicht in den Griff zu bekommen sei. Die Aussichten sind düster. Weltweit werden zu viele Antibiotika eingesetzt; allzu oft für Krankheiten, die gar nicht durch Bakterien verursacht werden. Der ständige Kontakt mit den Medikamenten hilft den Erregern, immer neue Auswege aus der Antibiotikafalle zu finden.

In den achtziger Jahren schien der Kampf gegen die Bakterien gewonnen, viele Pharmahersteller strichen ihre Infektionsforschung zusammen. Mit Ausnahme von Linezolid kam seit über 30 Jahren kein wirklich neues Antibiotikum mehr auf den Markt. Schnelle Abhilfe ist wegen der Versäumnisse nicht zu erwarten. Als 1997 die ersten unbezwingbaren Staphylokokken auftauchten, fragte das Fachmagazin Lancet verschreckt: "Droht die Apokalypse?"

Auf der Suche nach Auswegen blicken westliche Infektiologen nun nach Georgien, dem Zentrum der Bakteriophagenmedizin. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ihnen die Sicht auf eine bei uns vergessene Therapie ermöglicht. "Ich bin überzeugt, dass die Phagen in einigen Jahren im Westen eingesetzt werden", sagt die Mikrobiologin Betty Kutter vom Evergreen State College in Olympia, USA.

Die georgische Kriegsführung folgt der alten Regel: Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Und davon gibt es genug. Auf wohl jede Mikrobe dieser Welt lauern zahllose Viren: Die Phagen heften sich an das Bakterium und injizieren ihr Erbgut (siehe Grafik). Das geenterte Opfer mutiert zur Phagenfabrik, bis es platzt und Hunderte neuer Viren auf Beutezug entlässt.