Es hat lange gedauert, nämlich bis zu den Auseinandersetzungen um die Fassbinder-Inszenierung in Frankfurt, dass ich, ohne zu stocken, vor einem Juden das Wort Jude aussprechen konnte. So lange klang darin ein Schimpfwort für mich mit. Das änderte sich damals, und zwar auch durch das erstmals selbstbewusste öffentliche Auftreten der jungen deutschen Juden, Cohn-Bendit, Friedman, Brumlik. Ich glaube nicht, dass ich deshalb ein Teilhaber des von Goldhagen behaupteten deutschen Syndroms gewesen war. Eher, dass auch aus meinen Kinderohren noch etwas nachklang, was bei Kant zum Beispiel, in der Behauptung vom Wuchergeist in der Krämerseele, schon einmal vorgeklungen war: über die Zeiten tradierte, teils latente, oft offene antisemitische Klischees.

Micha Brumlik, Pädagogikprofessor in Frankfurt und Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, geht in seinem neuen Buch Deutscher Geist und Judenhaß von der "unbestritteten" Tatsache aus, dass auch wesentliche Teile des akademisch gebildeten deutschen Bürgertums, mittelbar oder unmittelbar, an der Massenvernichtung der Juden beteiligt waren. Deshalb stellt er die Frage nach der Rolle der idealistischen Philosophie. In einer Reihe von detaillierten Einzeluntersuchungen zu den Protagonisten der philosophischen Wende am Beginn des 19. Jahrhunderts, Kant, Fichte, Schleiermacher, Hegel, Schelling bis zu Marx, untersucht er deren Vorstellungen vom Judentum. Dabei kann er nicht nur auf die erforderlichen umfangreichen theologischen Kenntnisse zurückgreifen, sondern ebenso auf fundierte Einschätzungen von seinerzeit wichtigen Randfiguren wie Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach.

Die Französische Revolution und in ihrer Folge die Napoleonischen Kriege hatten ganz Europa erschüttert und - auch durch die Emanzipation der Juden - eine neue Epoche eingeleitet. Es ist die vergleichbare Situation des radikalen Umbruchs nach der deutschen Wiedervereinigung und der Neuordnung Europas, die an Brumliks Überlegungen ihre aktuellen Bezüge sichtbar werden lässt. Anders als einst Lukács, der mit dem großen ideologiekritischen Hammer Die Zerstörung der Vernunft aus dem Gestein der Geistesgeschichte herausgeschlagen hat, anders als die französischen Glucksmänner, die pauschal den deutschen Meisterdenkern eine gehörige Mitverantwortung für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts zusprachen, zieht Brumlik eine scharfe Grenze. Er unterscheidet zwischen gelegentlichen antisemitischen Äußerungen, die sich bekanntlich fast immer finden, und dem systematischen Gewicht, das solchen Äußerungen im Werk dieser Philosophen zukommt.

Er möchte "symptomatische Zusammenhänge" und ihre Deutungsmuster aufzeigen, also untersuchen, wie bestimmte Konzeptionen des christlichen Glaubens, der Erlösung, welche Vorstellungen von Freiheit, von Geschichte in das Bild vom Judentum eingegangen sind. Die Annahme, dass das Verhältnis des deutschen Idealismus zum Judentum aus der Haltung zur eigenen christlichen Tradition resultiert und dass der Geist des Christentums aus einer Metaphysik des Selbstbewusstseins zu entwickeln sei, führt ihn zu der Folgerung, dass aus den Aussagen zum Judentum sich zugleich Aussagen "über die innere Gestalt des Selbstbewußtseins" ableiten ließen.

Dabei kommt Brumlik naturgemäß in methodische Schwierigkeiten, die nicht unbedingt seine oft luziden, aufschlussreichen Analysen, aber deren systematisches Gewicht fraglich erscheinen lassen. Das lässt sich bereits an Kant zeigen. Brumlik stützt sich wesentlich auf Kants späte Schriften über Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft und den Streit der Fakultäten, dazu auf eine Fußnote in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (deren Authentizität übrigens umstritten ist). In dieser (vielleicht später eingefügten) Fußnote spricht Kant vom "Wuchergeist" der "unter uns lebenden Palästinenser". Kant bietet dafür allerdings eine soziologische Erklärung an. In den beiden anderen Schriften ist mehrfach von der "Euthanasie des Judentums" die Rede, am prägnantesten in der Formulierung: "Die Euthanasie des Judentums ist die natürliche Religion." Brumlik kommentiert: "Gleichwohl kann auch die wohlwollendste Rekonstruktion des ,Euthanasiegedankens' die Erinnerungen an die Gaskammern von Hadamar, die als Probelauf für die Mordanlagen von Auschwitz-Birkenau dienten, nicht vergessen machen."

Dieser Bezug, verständlich, vielleicht sogar richtig, darf allerdings nicht verdecken, dass für Kant, wie später für Fichte, und am deutlichsten für Marx, ein aufklärerischer Emanzipationsgedanke leitend war, der nicht nur die Aufhebung des Judentums proklamierte, sondern die allen Aberglaubens, christlichen eingeschlossen, zugunsten einer, wie Kant sie nennt, "Vernunftreligion". Wie sehr sich Brumlik auf der Suche nach antisemitischen Einflüssen zuweilen den Blick verstellt, zeigt seine Marx-Analyse. Dessen, ebenfalls soziologisch begründeter, Antisemitismus (vor allem in der frühen Schrift Zur Judenfrage, 1843) zielt offenkundig auf die Emanzipation der Juden, allerdings, und hier liegt für Brumlik das entscheidende Problem, nicht nur von den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beschränkungen, sondern zugleich vom Judentum selbst. Marx: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."

Die Rück-Projektion späterer Entwicklungen auf die historischen Tatbestände verzerrt ihre Einschätzung. Nicht nur Marxens Ablehnung der jüdischen Gesetzesreligion, sogar sein eigener Antisemitismus hat eine emanzipatorische Zielrichtung. Es ist weniger jüdischer Selbsthass, der aus Marx spricht, als vielmehr das kommunistische Ideal allgemeiner Freiheit und Gleichheit.