Dabei erfordert der Büroalltag der Junganwälte eher Qualitäten eines Schachspielers. Die meiste Zeit verbringt er über Aktenstapeln und Papieren mit langen Zahlenkolonnen, prüft Verträge und sucht Urteile heraus. Zehn, zwölf Stunden hockt er oft im Büro, ohne mit einem einzigen Mandanten zu reden, nur umgeben vom "Schönfelder" und "Sartorius", den dickleibigen roten Gesetzessammlungen. Das sollen 140 000 Mark Einstiegsgehalt aufwiegen und das von der Kanzlei vermittelte Gefühl, es nach ganz weit oben geschafft zu haben. "Diese Jobs sind nichts anderes als eine qualifizierte Sachbearbeitertätigkeit", sagt der Ex-Clifford-Anwalt Markus Strelow. "Man reibt sich auf als kleines Rädchen im großen Getriebe."

Feierabendverkehr in Frankfurt. Für die jungen Anwälte von Clifford beginnt der zweite Teil des Arbeitstages: die Weiterbildung per Videokonferenz.

Zugeschaltet sind die Außenbüros in Leipzig und Düsseldorf. Die Lehrstunde im abgedunkelten Konferenzsaal unterscheidet sich kaum von einem juristischen Repetitorium, in dem zahlungskräftige Jurastudenten auf das Examen vorbereitet werden: ein trockener Fachvortrag, ein paar Verständnisfragen, ein Skript zum Auswendiglernen. 30 junge Männer und Frauen, auf deren Gesichtern das Leben kaum Spuren hinterlassen hat, starren wie gebannt nach vorn. Keiner gähnt. Schließlich hat die Kanzlei mal wieder einen hochkarätigen Immobilienrechtspezialisten aufgeboten, um den Nachwuchs in die Geheimnisse der due diligence, der Vertragsprüfung, einzuweihen. Der schreibt mit und redet beim Hinausgehen über amerikanische Law-Schools, Ligne-Roset-Sofas und den Wirtschaftsteil der FAZ.

Wenige Straßen weiter und doch Welten entfernt vom Pünder-Büroturm im Bankenviertel, lungern Männer mit müden Gesichtern vor kleinen Import-Export-Geschäften. Die Schwierigkeiten der Polizisten, die am Hauptbahnhof Strichjungen nach ihren Papieren fragen, der Kleinwagenfahrer, die im Feierabendverkehr ihren Vordermann touchieren - all die kleinen und großen Konflikte des Alltags liegen den Clifford-Anwälten fern.

"Ich könnte mir nicht vorstellen, mich in einer Kleinkanzlei mit Strafrechtsfällen und Nachbarschaftsstreitigkeiten herumzuschlagen", sagt Mark Benzler, 32, der seit zwei Jahren im Bereich "Banking and Finance" arbeitet. Auch für Claudia Seibel, Immobilienrechtspezialistin im Frankfurter Büro von Baker & McKenzie, käme eine solche Tätigkeit nicht infrage: "Da würde mir das Internationale fehlen."

In manchen Ländern - beispielsweise in Holland - haben Normalverdiener bereits Schwierigkeiten, einen Rechtsbeistand zu finden. Angelsächsische Großkanzleien hätten den "Markt quasi leer gekauft", berichtete ein holländischer Standesvertreter auf dem diesjährigen Anwaltstag. "Gute Anwälte konzentrieren sich in den Wirtschaftssozietäten der großen Städte." Nur noch wenige Einzelanwälte spezialisierten sich auf weniger gewinnbringende Gebiete wie Sozial- und Arbeitsrecht.

So weit ist es in Deutschland noch nicht. Noch arbeiten hier rund 40 Prozent der 106 000 Rechtsanwälte in kleinen und mittleren Kanzleien, die Hälfte davon als Einzelkämpfer.