Keine Macht in der Bundesrepublik ist so gut abgesichert wie die der Agrarlobby. Als einziger Wirtschaftszweig stellt die Landwirtschaft einen Minister in der Regierung. Gelegentlich hat die Branchenlobby ihren Kandidaten sogar gegen den Willen des Bundeskanzlers durchgesetzt. Als Ludwig Erhard 1963 Adenauers Landwirtschaftsminister Werner Schwarz durch einen weniger bauernfrommen Ressortchef ersetzen wollte, drohte der CDU-Abgeordnete Detlef Struve damit, die 50 Landwirte der CDU/CSU würden gegen seine Wahl zum Kanzler stimmen - Schwarz blieb.

Struve war seinerzeit Präsident des einflussreichen Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes. Schwarz war sein Vize und spielte auch im Zentralverband der Landwirtschaft eine führende Rolle. Der Zentralverband, heute Zentralausschuss, ist das Spitzengremium der Deutschen Landwirtschaft. Darin sind die vier mächtigsten Verbände vereint: der Deutsche Bauernverband (DBV), der Deutsche Raiffeisenverband, der Verband der Landwirtschaftskammern und die Deutsche Lebensmittelgesellschaft. Gelenkt wird der Zentralausschuss in Personalunion vom Präsidenten des DBV, der seit 1997 Gerd Sonnleitner heißt.

Unter dem Dach des Zentralausschusses ackern Dutzende Vereine, Verbände und Vereinigungen zum Wohle der Landwirtschaft, jeweils auf Orts-, Kreis-, Landes- und Regionalebene. Und keine Tiergattung, keine Anbaupflanze, für die sich nicht ein Fachverband abmühte - vom Verband Deutscher Hopfenpflanzer bis zum Bundesverband Deutscher Straußenzüchter.

Das Handbuch der Behörden und Organisationen der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft umfasst auf knapp 700 Seiten mehr als 10 000 Adressen von Institutionen der Branche. Das Namensregister ist zugleich ein Who's who?

der personellen Verflechtung landwirtschaftlicher mit politischen Interessen.

Der CDU-Abgeordnete Peter Harry Carstensen zum Beispiel ist nicht nur Landwirt, sondern zugleich Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Deutschen Bundestag. Außerdem führt er das große Wort bei der Deutschen Gesellschaft für Agrar und Umweltpolitik - als Präsident.

Wilhelm Niemeyer, Vizepräsident des DBV, ist zugleich Präsident des Niedersächsischen Landvolkes, Kreislandwirt in Bersenbrück, Vorsitzender eines DBV-Kreisverbandes sowie Vorsitzender des Bundesmarktverbandes für Vieh und Fleisch. Und bei EU-Agrarkommissar Franz Fischler sitzt er mit am Tisch als Beirat der Kommission für Schweinefleisch.