Jurastudenten von morgen können ihre obligatorischen Barbour-Jacken einmotten, denn die sieht auf dem virtuellen Campus sowieso keiner mehr. Und auch den roten "Schoenfelder", die schwere Sammlung deutscher Gesetze, brauchen sie nicht mehr demonstrativ unter dem Arm durch die Universität zu schleppen, denn die Artikel und Paragrafen können sie sich alle aus dem Internet ziehen. Zum Lernen treffen sie sich mit ihren Kommilitonen aus der elektronischen Arbeitsgruppe vor dem Bildschirm, gemeinsam lösen sie virtuelle Fälle im Netz, verschicken Anklageschriften per E-Mail, laden aktuelle Entscheidungen des Bundesgerichtshofs herunter und pauken interaktiv Fragen für die nächste BGB-Klausur.

Kein gewagtes Zukunftsszenario - an der Universität des Saarlands in Saarbrücken ist das längst Wirklichkeit. In einem ehemaligen französischen Kasernengebäude aus dem 19. Jahrhundert liegt die digitale Zukunft der juristischen Ausbildung: die gesamte Rechtsbibliothek sowie Studienmaterialien, Musterklausuren, Fachaufsätze - alles ist online.

"Achtzig Prozent unseres Studiums laufen heute schon über das Internet", sagt der Rechtsprofessor Maximilian Herberger.

Vor sechs Jahren hat er zusammen mit Studenten den ersten juristischen www-Server in Deutschland aufgebaut und leitet heute gemeinsam mit seinem Kollegen Helmut Rüßmann das Juristische Internetprojekt (JIP) an der Universität Saarbrücken - das größte deutsche Internet-Portal für Rechtsprechung mit täglich bis zu 180 000 Zugriffen. Die Saarbrücker Rechtsinformatiker bieten über 5000 Links, unter anderem zum Bundesgesetzblatt und zum Bundesverfassungsgericht. Sie haben eine Rechtszeitschrift online gestellt, publizieren die Pressemitteilungen deutscher Gerichte im Netz, informieren in sechs verschiedenen Sprachen, darunter sogar in Japanisch und Koreanisch.

"Wir wirbeln die juristische Landschaft durcheinander", sagt Maximilian Herberger, und man merkt, dass ihn das freut. Für den Professor für Bürgerliches Recht, Rechtstheorie und Rechtsinformatik ist die Zukunft der Justiz eng mit dem Internet verknüpft. Herberger ist ein juristischer Netzpionier. Unter seiner Regie bastelten Saarbrücker Jurastudenten schon Websites, als die meisten Juristen noch glaubten, ein Link sei eine staatsfeindliche Vereinigung.

Auch wenn es darum geht, das Internet als Lernraum zu nutzen, sind Herberger und Rüßmann bundesweit Vorreiter. Im Sommersemester 1997 starteten sie das bislang erste und einzige juristische Online-Seminar. Im vergangenen Sommer nahmen fast 600 Studenten, Anwälte und rechtsinteressierte Bürger weltweit daran teil. Demnächst wird es sogar ein Online-Repetitorium geben, mit dem Examenskandidaten sich allein am Bildschirm auf ihre Abschlussprüfung vorbereiten können.

Akten werden mit Handkarren durch die Gänge gezogen