Auf den Kondomen, die in den Hotelzimmern zur Begrüßung liegen, steht: You better be inside. Es ist Freitag, der 8. Dezember. Mariä Empfängnis.

Und es ist einiges anders an diesem Wochenende in Seefeld in Tirol. Der Ort auf dem Bergsattel zwischen Garmisch und Innsbruck versucht drei Tage lang, cool zu sein. Es sind ausnahmsweise nicht diejenigen da, die Seefeld den Ruf des internationalen Pelzlaufstegs eingebracht haben, die Algen- oder Champagnerbäder nehmen und sich auf die von Gault/Millau prämierte Küche freuen, sondern einige der besten Snowboarder der Welt. Sie sollen helfen, das gesetzte Image des Olympiaorts zu korrigieren und werden beim Air-&-Style-Wettbewerb einige ihrer schonungslosen Tricks zeigen. Sie werden von einer Art Skisprungschanze springen, die Besten 40 Meter weit, sich dabei mehrmals in der Luft drehen und insgesamt 250.000 Dollar Preisgeld gewinnen.

Da diese Athleten inzwischen keine belächelten Freaks mehr sind, sondern von der Werbeindustrie umschlichene Popstars, vor denen man sich auch in konservativen Orten wie Seefeld zu verneigen hat, wohnen sie in den besten Hotels am Platz. Wer im Ortszentrum bleiben will, hat sowieso kaum eine andere Wahl. Nirgendwo in Österreich sind Vier- oder Fünf-Sterne-Häusern so dicht platziert wie hier.

Mit dem Betrieb der Eisenbahnlinie zwischen Bayern und dem Inntal begann 1910 Seefelds Aufstieg. Wer von Mittenwald mit dem Zug kam und sich in engen Kurven an den Steilwänden des Karwendelgebirges vorbei nach Süden zwängte, dem öffnete sich kurz vor Seefeld der Blick auf die Ebene. Die Berge treten zurück, wirken nicht bedrückend, und selbst faule Wanderer erreichten schon nach kurzer Zeit Stellen, von denen es Schmachtblicke auf das Inntal, das Wettersteingebirge oder die Zugspitze gab.

Langsam wurde es voller. Wintersportler hatten von Toni Seelos gehört, dem Slalomgenie der dreißiger Jahre und Erfinder des Parallelschwungs. Er hatte eine Skischule in Seefeld gegründet. Anfang der sechziger Jahre kamen die ersten Skiwanderer, die mit ihren Brettern in die umliegenden Wälder marschierten und von den Urlaubern, die sich zu Hunderten beim Eisstockschießen amüsierten, ausgelacht wurden. Doch Langlauf entwickelte sich bald zum Massensport der Älteren und verhalf Seefeld zum Aufstieg in die Extraklasse des Wintertourismus. Der Ort spurte: Das Loipennetz ist inzwischen 250 Kilometer lang.

In den Jahren 1964 und 1976 wurden in Seefeld die nordischen Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele von Innsbruck ausgetragen, was mehr bewirkte als jede Medienkampagne. Seefeld war nun weltbekannt. Schon 1970 übernachteten über eine Million Menschen in der 2800-Einwohner-Gemeinde. Und wie in Cortina d'Ampezzo, Chamonix und Sankt Moritz schaute nun auch der Jetset vorbei.

Die Arena - wie nach einem Bombeneinschlag

Als 1975 eine Fußgängerzone gebaut werden sollte, stellten sich einige Hoteliers quer. Man sollte sehen, was für Autos vor ihren Häusern stehen, sagt Markus Tschoner, der Direktor des Tourismusverbands. Tschoner ist ein sportlicher Typ. Anfang der achtziger Jahre fuhr er Skiakrobatik-Wettkämpfe, und seine Haare trägt er immer noch so, wie es damals Mode war: ordentlich frisiert, aber hinten über den Jackenkragen auslaufend.

Mit dem Air & Style wolle Seefeld den Saisonbeginn vorverlegen, sagt Tschoner. Trotz vieler nordischer Wettkämpfe und des wachsenden Kongresstourismus im Sommer hat der Ort immer noch Probleme, an die 1,3 Millionen Übernachtungen des Rekordjahrs 1992/93 heranzukommen. Am wichtigsten sei es, die Enkel der Stammgäste zu gewinnen, sagt Tschoner. Er weiß, dass die Enkel keine Langläufer und selten Skifahrer, sondern Snowboarder sind, und er weiß, dass Seefeld in der Szene trotz neuer Lifte im Skigebiet nicht gerade als variantenreicher Geheimtipp gilt.

Die Gemeinde hat fünf Millionen Schilling in das Ereignis investiert. Der Großteil davon fließt in Sicherheitsmaßnahmen, weil nicht passieren soll, was im vergangenen Jahr in Innsbruck geschah. Damals starben fünf Jugendliche, die in einer Massenpanik an einem rutschigen Abhang überrannt worden waren.

Seefeld hat außer für die Sicherheit der Besucher auch für Schnee garantiert.

Doch an diesem Wochenende sind die Wiesen braun, die Temperaturen frühlingshaft, und Markus Tschoner murmelt etwas von worst case. 240 Tonnen Schnee mussten Helfer von den Bergen kratzen und mit Lastern in die Casino-Arena bringen, Kosten: eine Million Schilling. In der Arena, einem für die nordischen Wettbewerbe zugeschütteten Fischteich, sieht es aus wie nach einem Bombeneinschlag: Neben der Skisprungschanze sind Bäume gefällt, ist der Hang umgepflügt worden. So entstand ein Krater, von dessen oberer Kante die Fahrer auf den Sprung in der Mitte der Schanze zujagen. Den Auslauf umgibt eine Tribüne, auf der 15.000 Menschen Platz finden.

Ob so ein Ereignis auch in der Hauptsaison stattfinden könne? Nein, sagt Tschoner, das würde der Ort vom Publikum her nicht vertragen. -

Chancenlos, sagt Hannes Seyrling, der Obmann des Tourismusverbandes und Besitzer eines der ersten Hotels am Platz. Ansonsten findet Seyrling aber, dass es Zeit war, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Vor zwei Jahren hat Seyrling das schon einmal versucht. Mit einigen Partnern baute er vor dem nördlichen Ortseingang das Play Castle, eine Art Erlebnisschloss mit Motion-Ride-Kino, Inlineskate-Bahn und Formel-1-Simulatoren. Mittlerweile ist das Gebäude geschlossen. Es sind nicht genug Jugendliche gekommen. Die Bank hat weitere Kredite gesperrt und Seyrling mit seinen Freunden 30 Millionen Schilling verloren. Die Tiroler haben das Schloss komplett negiert, sagt Seyrling. Es klingt so, als verkneife er sich den Zusatz: Diese Ignoranten.

Mit Rückenpanzer und Arschwanne

Vielleicht hatten die Jugendlichen keine Lust auf eine interaktive Fahrschule. Vielleicht wollten sie einfach nicht neben griechischen Statuen in einem Internet-Café sitzen. Vielleicht war es ihnen zu blöd, in maßgeschneiderten Erlebniswelten abgestellt zu werden, wenn sie doch eigentlich in die Bars wollten, deren Türsteher ihnen den Eintritt verweigerten. Und wahrscheinlich ist es mit dem Air & Style ähnlich: Die Jugendlichen werden Seefeld durchschauen und merken, dass sie PR-Staffage sind und ihr Sport zu einer einmaligen Attraktion aufgeblasen wird, während im Skigebiet eine anständige Halfpipe fehlt. Sie werden spüren, dass man sich zwar offen gibt, aber ihr Anblick den Hoteleliers Panik in die Augen treibt.

Im Fünf-Sterne-Klosterbräu zum Beispiel. Er habe die Stammgäste davon abgehalten, an diesem Wochenende zu kommen, sagt der Manager. Vielleicht war es besser so: Freitagnacht um zwei musste er nach einer Pool-Party der Snowboarder das dreckige Wasser des Schwimmbeckens ablassen.

Christian Herles glaubt, die Pool-Party habe ihr Ziel erreicht. Die Formel ist einfach, sagt der Marketingchef des Hauptsponsors G-Shock, einer Uhrenmarke. Wenn Seefeld weiter der altbackene Pelzträgerort bleibt, rebelliert die Jugend. Herles ist 40 Jahre alt, hat unruhige, flackernde Augen, schwarze wirre Haare und eine heisere Stimme. Wenn Herles redet, benutzt er Slogans wie Geld ist nix, Image ist alles oder Life is a challenge, als könne ihn das 20 Jahre jünger machen. Wer ihn nicht gleich versteht, dem sagt er: Das ist a matter of fact. Der Air & Style sei undisputed die Lichtgestalt in der Snowboard-Welt. Für die Top-Rider sei der Wettbewerb übrigens wichtiger als ein Olympiasieg. Für wen? Das fiele ihm jetzt gerade nicht ein.

Wenn Herles über den Unfall in Innsbruck redet, bleibt er in seiner Sprache.

Tote bei einem Event, das sei nicht so cool. Und weil es nicht cool ist, hat Herles zusammen mit den anderen Veranstaltern Spenden für die verletzten Jugendlichen von Innsbruck organisiert, die heute noch in Reha-Kliniken behandelt werden. Da das Geld der Sponsoren nicht reicht, laufen die Mütter der verletzten Jugendlichen mit Sammelbüchsen durch Seefeld.

Die Fahrer haben am Freitag nach dem Training beschlossen, 64.000 Dollar ihres Preisgeldes zu spenden. Stefan Gimpl, der spätere Sieger des Air & Style, hatte den Vorschlag gemacht. Gimpl ist 21 Jahre alt, und wie die meisten seiner Kollegen ist er klein, durchtrainiert und hat früher geturnt.

Snowboarder reden immer von Spaß, ich hab die aber mal im Krankenhaus besucht, sagt Gimpl. Der Österreicher rief schon im Sommer eine eigene Spendenaktion ins Leben. Möglicherweise gab es Momente, in denen er sich den Verletzten in der Reha-Klinik verwandt fühlte, denn Gimpls Sport ist nicht weit entfernt von Krankenhausaufenthalten. Wenn er, wie eben, zu einem dieser wahnsinnigen 1080-Grad-Sprünge anfährt, dann trägt er einen Rückenpanzer und eine Arschwanne aus Plastik. Auf der Großbildleinwand sind seine aufgerissenen Angstaugen zu sehen, und aus seinem Hirn muss er die Gedanken an seinen finnischen Kollegen vertreiben, der gerade sein Schlüsselbein gebrochen hat.

David Benedek, den zurzeit besten deutschen Straight Jumper, hat es eben bei einem Sprung zerlegt. Christian Herles hatte vom ultimativen rabble spirit der Fahrer gesprochen. Zu einem Freund sagt Benedek bloß: Weißt du, wie ich mich jetzt einkacke?

Nach dem Ende des Wettbewerbs am Samstag sagt der Moderator noch: Feiert eine Party, aber nicht zu intensiv

bitte, lasst Seefeld ganz. Es klingt wie: Schön, dass ihr da wart, bitte geht! Auf dem Marktplatz vor dem Luxushotel Klosterbräu spielen Fünf Sterne Deluxe feinsten HipHop. Zwei italienische Damen im Pelz stehen in der Nähe und sehen aus, als würden sie ihren Urlaubsort nicht mehr wiedererkennen.

Irgendwann gegen fünf Uhr früh ist die Show beendet. Am nächsten Tag gibt es in der Kanne kein Deep House mehr, sondern ein Konzert von Al Bano Carrisi, und im Batzenhäusl wird sich wieder Rudi, der Alleinunterhalter aus dem Tiroler Oberland, ans Werk machen.

Am frühen Sonntagmorgen kommt Klaus Norz mit seinem Trecker um die Müllhaufen herum in den Ort gefahren. Er liefert den Hotels frische Milch. Norz ist der letzte Bauer Seefelds und einer der wenigen Einwohner, der keine Ferienwohnung vermietet. Seine blaue Mütze mit dem kleinen Bommel ähnelt denen der Snowboarder, doch der Landwirt hat sie wahrscheinlich schon länger, als es die Sportart gibt. Ob die Saison durch den Wettbewerb wirklich verlängert wird, ob sich Seefeld tatsächlich bei den Jugendlichen einen Namen machen kann? Es entsteht vielleicht der Eindruck, sagt Klaus Norz. Hinter seinem Trecker fährt eine Putzkolonne durch den Ort.

Um acht Uhr früh ist Seefeld wieder so sauber, als wenn nichts gewesen wäre.