Kitano schreibt seine Drehbücher, er produziert, führt Regie, spielt Hauptrollen, sogar den Schnitt besorgt er selbst. Und er schweigt gern. Film ist für ihn in erster Linie eine stumme Kunstform. "Musik und Dialog sind da, um etwas zu leisten, was die Bilder nicht vermögen. Man sollte in der Lage sein, eine Geschichte nur mit Bildern zu erzählen." So spricht der Feingeist. Aber das ist nur ein Gesicht des Mehrbereichskünstlers.

Ein anderes gehört einem der populärsten Unterhalter des japanischen Fernsehens. Die Show Takeshi's Castle gibt einen Eindruck davon: Kitano sitzt, in seidene Roben gewandet, auf seinem Schloss und verfolgt genüsslich, wie 120 Kandidaten pro Sendung versuchen, es zu erobern. Dabei fallen die meisten in Wasserbecken und Schlammpfützen oder versagen beim Karaoke. Grundregel Nummer eins in Takeshi's Castle : Nur ein nasser Kandidat ist ein guter Kandidat. Trotzdem bietet die Show mehr Dada als Action, mehr Slapstick als Kamikaze; insgesamt bewegt man sich im Rahmen der Genfer Konventionen.

Die Vorstellung, Thomas Gottschalk würde Filme machen wie Wim Wenders, bildet den Gegensatz zwischen den beiden Kitanos nur unvollständig ab. Zusammengehalten werden sie durch eine Tragödie: einen Motorradunfall im Jahre 1994. In den Augen seiner Mutter fand Kitano damals keine Gnade. "Wenn er schon einen Unfall hat", erklärte sie der Presse, "sollte er wenigstens in einem Porsche sterben wie James Dean und nicht mit einem lächerlichen kleinen Motorrad." Nach zwei Monaten im Koma jedoch erwachte die "produktivste gespaltene Persönlichkeit der Welt" (New York Times) und schrieb wöchentliche Zeitungskolumnen, Poesie, Krimis, Essays, begann sogar pointillistisch zu malen.

Gegen seine Mutter hatte er schon immer aufbegehrt. Sie hatte als Aristokratentochter die Verbindung mit einem armen Anstreicher ausgiebig bereut. Die sechsköpfige Familie, eingepfercht in einer Einzimmerwohnung am Rande von Tokyo, überlebte vermutlich nur durch ihr eisernes Regiment. Als Takeshi 18 war, träumte er noch davon, Rennwagen für Honda zu konstruieren. Doch Ende der sechziger Jahre waren die Aussichten in dieser Branche für Anführer von maoistischen Studentengruppen eher dürftig. Er jobbte als Taxifahrer und Liftboy in einem Varieté-Theater. Dort wurde er als Statist in einer Travestie-Show entdeckt. Sein anarchischer Humor und geschickte Skandalpolitik machten ihn zum Quotenkönig. Schon 1983 hatte er sein Debüt als ernsthafter Schauspieler gegeben. In Merry Christmas, Mr. Lawrence spielte er - neben David Bowie und Ryuichi Sakamoto - einen sadistischen Offizier.

Die Ästhetik der Gewalt wurde zu Kitanos Leitmotiv - wie auch sein mimischer Minimalismus, der neben künstlerischen Gründen eine physiologische Ursache hat: Seit dem Unfall ist seine rechte Gesichtshälfte gelähmt.

"Takeshi's Castle" Mo.-Fr. DSF, 14.00 Uhr und 17.15 Uhr

"Brother" ab Do., 18.1., im Kino